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Film

10. November 2010

Filmstart "Der letzte schöne Herbsttag": Jugend ohne Jugend

 Von Daniel Kothenschulte
Reden, reden, Beziehung pflegen: Herbstszene.

Regisseur Ralf Westhoff, 41, der bekannt wurde durch „Shoppen“, einen rasanten Dialogfilm über Speed-Daten, zeigt in „Der letzte schöne Herbsttag“ zwei Überdreißigjährige in einer Dauer-Beziehungs-Krise. Unseren letzten schönen Herbstag sollten wir uns lieber für etwas anderes reservieren.

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Zu den anhaltenden Klagen über den deutschen Film gehört die Beobachtung, dass die meisten Nachwuchsregisseure nur Filme über junge Leute drehten. Tatsächlich muss man nur ein paar Jahre warten, und das Problem löst sich von selbst. Dann drehen die mittlerweile Vierzigjährigen Filme über Vierzigjährige. Eine ganze Reihe interessanter Liebesfilme kamen so zuletzt zustande „Alle anderen“, „Die Liebe der Kinder“ oder Tom Tykwers jüngst in Venedig uraufgeführte Sex-Komödie „Drei“. In diesen Filmen wird der Abschied von der Jugend in ähnlicher Weise zum Thema wie es im Coming-of-Age-Filmen der Abschied von der Kindheit ist.

Wer allerdings glaubt, dass ein Liebesfilm über ein Paar in den Dreißigern mit dem romantischen Titel „Der letzte schöne Herbsttag“ auch eine gereifte Weltsicht transportieren müsste, irrt. Regisseur Ralf Westhoff, 41, der bekannt wurde durch „Shoppen“, einen rasanten Dialogfilm über das Speed-Daten, zeigt zwei Überdreißigjährige in unerschütterlicher Jugendlichkeit. Überhaupt zeigt er nicht viel anderes als sein Hauptdarstellerpaar Julia Koschitz und Felix Hellman, die sich in langen Monologen vor der Kamera über die Probleme eines Beziehungslebens beklagen. Die Gegensätze sind unüberwindlich: Sie kauft gerne ein und sammelt Rabattmarken, er fährt lieber Fahrrad oder liest die Zeitung. Sie hat ständig irgendein Zipperlein und muss betüttelt werden, er findet das albern und geht trotzdem darauf ein.

Kurz gesagt, sie sind nicht nur ein Paar wie Pott und Deckel, auch ihr Sprachduktus ist bis ins Kleinste identisch. Beide sagen „nich“ wenn sie „nicht“ meinen und „is“ wenn sie „ist“ meinen. Die verlorenen Konsonanten machen sie wett, indem sie den Rest so deutlich aussprechen wie die Moderatoren im Kinderfernsehen und dabei ihre Augen weit aufreißen. Das verleiht ihnen etwas Kindliches, das ihre Zeitgenossen hoffentlich niedlich finden.

Julia Koschitz steht dieser Gesichtsausdruck in den Großaufnahmen besonders gut, sie sieht dann aus wie die Australierin Natalie Imbruglia im Video-Clip zu ihrem Hit „Torn“, dem offensichtlichen Vorbild dieses Kinofilms. Nur dass deren Klage über die Vernachlässigung in einer Partnerschaft nun abendfüllend erscheinen soll. Aber was gibt es da eigentlich zu beklagen?

Zwei geduldige „beste Freunde“ des jeweiligen Geschlechts sind ihnen an die Seite gestellt, die für das Lamentieren reichlich Geduld aufbringen, aber immerhin gelegentlich Widerspruch anmelden. Meist jedoch adressieren diese unglücklich-Glücklichen uns Zuschauer, die wir diese Möglichkeit leider nicht haben. So wirken diese Szenen wie Sitzungen bei einem mit Eselsgeduld gesegneten Therapeuten.

Er hätte einiges zu tun: Diese beiden Menschen, von denen wir nicht einmal erfahren, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten, definieren sich ausschließlich über ihr Beziehungsleben. Das müsste jeden verrückt machen, aber dieser Film verkauft es uns als das Normalste der Welt. Ebenso wenig wie eine einzige und sei es noch so erstrebenswerte Sache ein vollständiges Leben ausmacht, gilt das für einen Film.

Die Stars des Comedy-Betriebs mögen ganze Abende damit füllen, in einer einzigen Rolle über ein einziges Thema zu sinnieren. Im Kino dagegen sind dann doch meist ein paar zusätzliche Details willkommen, lebendige Nebenfiguren, ein Twist in der Geschichte, irgendetwas. Ein paar zaghafte Ansätze immerhin gibt es in Ralf Westhoffs Film, Kritik am Lebenskonzept der Figuren zu üben. Etwa wenn die sonst so natürliche und sinnliche Frau ihre Kauflust verteidigt.

Doch diese Ansätze wirken wie aufgesetzte Sophismen, die sich nicht aus Situationen entwickeln, sondern in sie hinein geschrieben werden. Etwa wenn die junge Frau im dramatischsten Augenblick – das Paar sieht sich nach einer Trennung erstmals wieder – den Freund für seine Leidenschaft tadelt, die Zeitung zu lesen. Darin stehe doch gar nicht was das Leben sei, sinniert sie unter Tränen, sondern nur, was es nicht sei. Man muss kein Zeitungsmann sein, um hier zu widersprechen.

Weinende Menschen erfinden einfach keine Bonmots. Und genau das ist es, was das Leben ausmacht – im Vergleich zum pointen-getriebenen Drehbuch . Unseren letzten schönen Herbsttag sollten wir uns für etwas anderes reservieren.

Der letzte schöne Herbsttag, Regie: Paul Westhoff, Deutschland 2010, 82 Minuten.

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