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Film

10. November 2010

Filmstart "Einfach zu haben": Scharlachrot bis in die Spitzen

 Von Michael Kohler
Einmal in die Welt gesetzt lassen sich Gerüchte nicht mehr so leicht wegwischen.  Foto: Sony

Mit einer Notlüge, die sich schnell zum grassierenden Gerücht auswächst, fängt alles an: Emma Stone macht aus ihrer Internet-Beichte über den Vorfall bald ein einträgliches Geschäft. In Hollywoods jüngstem Talent steckt ein bisschen Doris Day, aber auch der Stachel der Rebellion. Eine kluge Teenager-Komödie.

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Auf dem Höhepunkt ihrer moralischen Zerknirschung klappert Olive die örtlichen Kirchen ab. Sie sucht nach Unterweisung und findet entweder Bigotterie, die nicht mit sich reden lässt, oder einen Priester, der gerade Pause macht. Schließlich schleicht die Schülerin heim und tut das, was wir von einem modernen Teenager eigentlich als erstes erwartet hätten: Sie setzt sich vor die Webcam und macht das Internet zu ihrem Beichtstuhl. Ob sie von dessen Gemeinde wirklich die Absolution erhofft? Auch dazu gehört eine Menge Gottvertrauen.

Am Anfang der verblüffend gewitzten Schulkomödie „Einfach zu haben“ blickt Olive auf die Ereignisse zurück, die sie von einer grauen Maus zur Aussätzigen werden ließen. Es beginnt, wie könnte es anders sein, ganz harmlos: Olive hat keine Lust, bei ihrer leicht beschränkten besten Freundin zu übernachten und schützt ein Rendezvous mit einem älteren Jungen vor. In Wahrheit lungert sie das ganze Wochenende zu Hause herum und ist am Montag um ein gutes Alibi verlegen. Schließlich flunkert sie, dass sie ihre Jungfräulichkeit bei einem One Night Stand verloren hat. Ihre Freundin ist hellauf begeistert, eine sittenstrenge Mitschülerin, die ihr Getuschel versehentlich belauschte, dagegen weniger. Sie sorgt dafür, dass sich Olives Geständnis in Windeseile herumspricht und vergisst auch die Warnung vor dem Fegefeuer nicht.

Im nächsten Kapitel ihrer Internet-Beichte betätigt sich Olive als gute Samariterin. Sie erzählt einem homosexuellen Mitschüler von ihrer Notlüge und erklärt sich bereit, so zu tun, als hätten sie etwas miteinander gehabt. Brandon glaubt, dass er, wenn er nicht mehr als schwul gilt, auch nicht mehr verprügelt wird. Genau so kommt es dann, und schon bald stehen die Untergebutterten und zu kurz Gekommenen bei Olive Schlange. Halb aus Mitleid, halb aus Lust an der Provokation verkauft sie ihnen jeweils eine „Liebesnacht“ zum Freundschaftspreis und merkt zu spät, wie sehr ihr Ruf darunter leidet.

Selbstbehauptung und Sex

In US-Teenagerkomödien dreht sich in der Regel alles um Selbstbehauptung und Sex, wobei das Geschlecht der Helden die Richtung vorgibt. Jungs tun alles, um den Makel der Jungfräulichkeit zu verlieren, Mädchen geben sich verrucht und warten auf den Richtigen. Emma Stone treibt diese Haltung als Olive auf die Spitze, ohne sie zu karikieren. In Hollywoods jüngstem Talent steckt ein bisschen Doris Day, aber auch der Stachel der Rebellion. Ähnlich große Hoffnungen darf man an den Drehbuchautor Bert V. Royal (sein Name klingt so sehr nach einem Pseudonym, das er nur echt sein kann) knüpfen. Der Hollywood-Debütant setzt Nathaniel Hawthornes „Der scharlachrote Buchstabe“ auf den Lehrplan und spielt die vernichtende Kraft des Gerüchts in einer aktualisierten Fassung durch. Seit Amy Heckerlings „Clueless“ wurde kein literarischer Klassiker (damals Jane Austens „Emma“) derart charmant für den Teenagermarkt verwurstet.

Für Cinephile hat Royal noch mehrere Anspielungen auf einen jüngeren klassischen Auteur eingebaut. In einer bezaubernden Sequenz sehnt sich Olive nach einem strahlenden John Hughes-Ritter und wäscht sich endgültig von allen „Sünden“ rein. Die teilweise ziemlich plumpen Pubertätskomödien der letzten Jahre scheinen in „Einfach zu haben“ Jahrzehnte entfernt: Royals Dialoge sind frech und intelligent und kommen wie aus der Pistole geschossen. Mit seinem Drehbuch war es offenbar ein Leichtes, die Erwachsenen mit durchweg glänzenden Darstellern zu besetzen, wobei Patricia Clarkson und Stanley Tucci als Olives exzentrisches Elternpaar das Erziehungswesen um einige besonders schöne Noten bereichern.

Auch in „Einfach zu haben“ gibt es Szenen, die vor allem albern sind und sein sollen. Aber da ist nichts, was sich nicht durch geschicktes Timing oder ein zugedrücktes Auge retten ließe. Die Sexualmoral des Films dürfte im Übrigen sogar die nach Strich und Faden veräppelten Kirchen wieder versöhnen: Verschenk dich nicht an den Erstbesten, denn du hast etwas zu verlieren.

Einfach zu haben, Regie: Will Gluck, USA 2010, 92 Minuten.

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