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Film

23. November 2010

Filmstart "Fair Game": Auf Treu und Glauben

 Von Michael Kohler
Die Hintergründe des Irakkriegs als Ehedrama: Sean Penn und Naomi Watts in "Fair Game".  Foto: tobis film

In „Fair Game“ geht es um die Plame-Affäre und die Lügen des Irakkriegs: Die US-Regierung bereitet den Irak-Krieg vor, und sucht fieberhaft nach Beweisen dafür, dass Sadadam Hussein Massenvernichtungswaffen produzieren lässt. Die Hintergründe sind bis heute nicht geklärt, das wird auch im Film spürbar.

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Als William Goldman angeboten wurde, das Drehbuch zu „Die Unbestechlichen“ zu schreiben, wusste er gleich: Er kann nicht „Nein“ sagen und es würde tückisch werden. Schließlich kannte das Publikum bereits das Ende des Watergate-Skandals und vor allem stand der Ausgang der Affäre in keinem Verhältnis zu den unüberschaubaren und teils absurden Geschehnissen, die ihm vorausgingen. Das einzige, was es Goldman etwas leichter machte, war die Struktur des Falls: Die Washington Post-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward hatten eine Schneise durch das Dickicht aus Lügen und Verrat geschlagen und der Film brauchte ihnen dabei einfach nur zu folgen.

Auch in „Fair Game“, Doug Limans Thriller über die sogenannte Plame-Affäre, geht es um Lügen, das Weiße Haus und um einen entscheidenden historischen Moment. Aber die beiden Drehbuchautoren Jez und John-Henry Butterworth standen vor ganz anderen Herausforderungen als Goldman. Der Präsident hat nicht abgedankt, niemand wurde zur Rechenschaft gezogen und die große Lüge, die im Zentrum des Skandals steht, ist von den nachfolgenden Ereignissen in den Hintergrund gedrängt worden. Auch die Medien waren in diesem Fall eher Getriebene, weshalb den Butterworths beinahe gar nichts anderes übrig blieb, als die politische Fabel in Form eines Ehedramas zu erzählen, in dem zwei miteinander verheiratete Patrioten um ihre befleckte Ehre kämpfen. Dass dieser Film ihren Kampf nun fortführt, macht die Sache nicht einfacher.

„Fair Game“ beginnt im Frühjahr 2002. Die US-Regierung bereitet den Irakkrieg vor und sucht fieberhaft nach Beweisen, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen produzieren lässt. Die verdeckt ermittelnde CIA-Agentin Valerie Plame Wilson ist mit den Nachforschungen betraut, ihr Ehemann, der ehemalige Botschafter Joseph C. Wilson, versucht herauszufinden, ob sich der Irak im Niger Uranoxid beschafft hat. In seinem Bericht schließt er diese Möglichkeit aus und ist empört, als die Bush-Administration unter Berufung auf eine geheime Quelle, nämlich ihn, einige Monate später das Gegenteil behauptet. Er macht diesen Widerspruch in einem Artikel für die New York Times publik, woraufhin Plames Tarnung auffliegt und interessierte Kreise eine Rufmordkampagne gegen das Ehepaar lancieren.

Der Kühlschrank als toter Briefkasten

Am Anfang ähnelt „Fair Game“ beinahe dem „Bourne“-Film, mit dem Doug Liman seinen größten Erfolg feierte. Naomi Watts lockt als Valerie Plame den Sohn eines asiatischen Wirtschaftmagnaten in die Falle und „wirbt“ ihn mit eiskaltem Charme als Informanten an. Die Kamera ist in diesen Szenen immer auf dem Sprung und blickt sich um wie ein Soldat auf freiem Feld. Diese Nervosität überträgt sich dann auch auf das CIA-Hauptquartier in Langley: Die Sicherheits-Analytiker spüren den Druck aus Washington, und wenn Irving „Scooter“ Libby Jr., der böse Bube des Films, einen von ihnen zur sophistischen Fragestunde lädt, weiß der am Ende selbst nicht mehr, was er glauben oder wissen soll.

Schließlich wird die Kampfzone auf Valerie Plames Privatleben ausgeweitet, wobei man dieses ohnehin kaum so nennen kann. Einmal beschwert sich der von Sean Penn gespielte Ehemann, sie würde nur noch über Post-its kommunizieren: „Der Kühlschrank ist doch längst zum toten Briefkasten geworden.“ Mit häufigen Szenenwechseln zeigt Liman, wie das Familienleben zwischen beruflichen Terminen „zerrissen“ wird und findet in den Usancen des Thrillers eine schöne Metapher für diese Spielart der modernen Ehe.

Bei den „Unbestechlichen“ konnte William Goldman noch darauf vertrauen, dass er die Wahrheit über den Watergate-Skandal erzählte. In „Fair Game“ wirkt dieser Begriff so unscharf, dass im Grunde nur noch das Vertrauen bleibt. Es rettet die bedrängte Ehe, wird von der US-Regierung leichtfertig verspielt und den realen Vorbildern der verfolgten Helden als großzügiger Vorschuss ausgestellt. „Fair Game“ folgt weitgehend ihrer in zwei Büchern niedergelegten Sichtweise und füllt diskret die Lücken auf, wo Plames CIA-Tätigkeit bis heute der Geheimhaltung unterliegt. An der einen oder anderen Stelle hätte Liman vielleicht auch eine andere Perspektive andeuten oder Zweifel inszenieren sollen. Andererseits schleicht sich dieser im Ringen um die historische Wahrheit ohnehin von ganz alleine ein.

Fair Game, Regie: Doug Liman, USA 2010, 108 Minuten.

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