Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Film

12. Januar 2011

Filmstart "We Want Sex": Was Frauen wollen

 Von Michael Kohler
Ihr Arbeitskampf hatte das erste britische Gleichstellungsgesetz zur Folge: die demonstrierenden Arbeiterinnen von Dagenham im Film "Made in Dagenham" ("We Want Sex"). Foto: Tobis Film

1970 legten sie im Kampf um Gleichstellung das britische Ford-Werk Dagenham lahm: Der Film „We Want Sex“ erzählt die Geschichte der 187 Näherinnen, deren Arbeitskampf im ersten britischen Gleichstellungsgesetz mündete. Doch der alberne Titel verweist leider schon auf die Schwächen des Films.

Drucken per Mail

Der Preis für den unsinnigsten Filmtitel des Jahres dürfte den Produzenten von Nigel Coles britischem Arbeiterdrama schon jetzt sicher sein. Im Ursprungsland heißt der Film schlicht „Made in Dagenham“, eine Anspielung auf den Londoner Vorort, in dem Ford seit 1931 Autos produziert. Zeitweise arbeiteten über 40 000 Menschen in dem gigantischen Industriekomplex, auf dem Höhepunkt der Swinging Sixties kam es hier zu einem historischen Arbeitskampf. 187 Näherinnen traten für bessere Arbeitsbedingungen und Gleichbehandlung der Geschlechter in den Streik und stießen eine politische Debatte an, die 1970 ins erste britische Gleichstellungsgesetz mündete und in vielen westlichen Industrienationen Schule machte.

In einer Szene des Films spannen die in die Londoner Innenstadt gereisten Frauen ein Transparent auf: „We Want Sexual Equality.“ Doch der Stoff verhakt sich so, dass eine Weile nur „We Want Sex“ zu lesen ist. Autofahrer hupen ihre Zustimmung heraus, verblüffte Lehrerinnen halten ihre feixenden Schüler zur Eile an. Es ist ein netter Scherz, der schnell vorbei geht und ebenso schnell vergessen ist. Ihn zum Titel zu erheben, darauf muss man erst einmal kommen.

Den deutschen Verleih trifft ausnahmsweise keine Schuld. „We Want Sex“ ist der Titel für den internationalen Markt, der, so läuft vermutlich die Überlegung, mehr damit anfangen kann, dass Nigel Cole zuletzt die rüstigen „Kalender Girls“ auszog. Passend dazu sitzen die Näherinnen nach dem Vorspann in einem als Werkhalle getarnten Glutofen und knöpfen sich die Kittel auf. Nach einer Weile biegt Bob Hoskins als schlitzohriger Betriebsrat um die Ecke, hält sich die Augen zu und lässt über den Streik abstimmen. Alle sind dafür und so kommt es in Großbritannien erstmals zum Ausstand einer rein weiblichen Belegschaft.

Es geht um das große Ganze

Am Anfang geht es den Streikenden um mehr Anerkennung und eine Lohnerhöhung. Dann um das große Ganze: Gerechtigkeit für alle arbeitenden Frauen. An der Spitze der Bewegung steht Rita O’Grady, Mutter zweier Kinder und Ehefrau eines nicht allzu hellen, aber grundguten Ford-Arbeiters. So wie Sally Hawkins sie spielt, ist Rita für eine Frau, die nichts umhauen kann, vielleicht etwas nah am Wasser gebaut. Dafür hat sie einen langen Atem und entwickelt erstaunliches rhetorisches Talent. Beides braucht sie auch, denn als der Frauenstreik die gesamte Produktion lahmlegt, stellt das die Solidarität der männlichen Kollegen auf eine harte Probe.

Der Streik von Dagenham war einer der letzten Triumphe der damals noch weitgehend unregulierten britischen Gewerkschaften; das erklärt vielleicht, warum „We Want Sex“ so viel peppigen Optimismus verströmt. Nigel Cole erzählt seinen ansonsten vor allem an „Norma Rae“, dem stilbildenden Klassiker dieses Subgenres, geschulten Film vom erfolgreichen Ende her. Alles muss schön bunt sein, Probleme und Hindernisse lassen sich zudem leicht als bloße Drehbuchkniffe durchschauen. Dass einige Gewerkschaftsbosse mit der Industrie im Bett liegen und das Anliegen der Frauen hintertreiben, ist vor allem Anlass zur Komödie. Die Chauvinisten aller Klassen werden ordentlich eingeseift, und von der Globalisierung hat natürlich noch niemand etwas gehört. Selbst wenn der Ford-Unterhändler in Westminster mit dem Abzug der Fabriken droht, sieht das weniger nach hoher Politik als nach einer Folge der britischen Sitcom „Yes, Minister“ aus.

Am Ende ist die rätselhafte Titelwahl sogar bezeichnend für den gesamten Film. Es genügt Cole und den Produzenten nicht, die Geschichte eines historischen Arbeitskampfs zu erzählen. Stattdessen machen sie ein Rührstück weiblicher Solidarität daraus und wickeln es in die Aufbruchsstimmung der späten 1960er Jahre ein. Langweilig ist das zwar schon wegen der mit reichlich Gefühl und ebensoviel Schmackes auftrumpfenden Besetzung nicht. Aber das Publikum wird mehr als einmal für ziemlich dumm verkauft. Niemand will hier Sex, und auch sonst hätte etwas mehr Realismus nicht geschadet.

We Want Sex, Regie: Nigel Cole, Großbritannien 2010, 113 Minuten.

Jetzt kommentieren

Oscar 2014
Kino: Neustarts
Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:
TV-Kritik
Filmtipps
Medien