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Film

06. April 2011

Filmstart "Willkommen bei den Rileys": Nationale Heilkräfte

 Von Michael Kohler
James Gandolfini als Doug und Kristen Stewart als Mallory in dem Drama "Willkommen bei den Rileys" von Jake Scott.  Foto: dapd

Im bewegenden Drama „Willkommen bei den Rileys“ werden auch die nationalen Heilkräfte beschworen: Jake Scott erzählt in seinem zweiten Spielfilm die Geschichte einer persönlichen Trauerarbeit und verbindet sie mit der Katastrophe von New Orleans.

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Selbst kleinere Rollen bleiben Schauspielern manchmal in den Kleidern hängen und lassen ihre Persönlichkeit in einem mehr oder weniger für sie maßgeschneiderten Fach verschwinden. Bei James Gandolfini liegt die Sache noch etwas anders. Er war acht Jahre lang Tony Soprano, Anführer und Galionsfigur der nach seiner Figur benannten Mafiafamilie. Der US-Sender HBO krempelte mit den „Sopranos“ das Fernsehen um, weshalb Gandolfini spielen konnte, was und wen er wollte, er blieb doch immer Tony. Über seine Rolle in Jake Scotts „Willkommen bei den Rileys“ sagt er: „Ich wollte zur Abwechslung einmal jemand sein, der niemanden umbringt.“ Das ist mehr als Koketterie. Als Doug Riley tritt er zum ersten Mal aus dem übermächtigen Schatten seines anderen Ichs heraus.

Nagende Hoffnungslosigkeit

Man sieht Doug Riley sogleich an, dass er das Leben am liebsten mit aufgekrempelten Ärmeln anpackt. Sein breites Kreuz und seine direkte Art sind wie geschaffen für einen Unternehmer auf dem Gebiet des Sanitär- und Heizungsbaus. Doch eine Ehe lässt sich nicht so einfach reparieren wie ein verstopfter Ausfluss, und diese Hilflosigkeit nagt an ihm. Seine Frau hat ihr gemeinsames Haus in ein Mausoleum verwandelt, das sie offenbar seit Jahren nicht mehr verlassen hat.

Als Doug nach New Orleans reist, um eine Fachmesse zu besuchen, ahnt er, dass es so nicht weitergehen kann. Er streift ziellos durch die fremde Stadt, stolpert in ein Striptease-Lokal und entdeckt auf der Bühne ein Mädchen, das ihn an seine verstorbene Tochter erinnert. Er versucht, sich mit der 16-jährigen Ausreißerin anzufreunden, lädt sich bei ihr zu Hause ein und beginnt, ihre heruntergekommene Absteige auf Vordermann zu bringen. Es ist eine rührende Geste, zumal er nicht weiß, ob das abweisende Mädchen seine ausgestreckte Hand überhaupt ergreifen will.

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Jake Scott wagt sich in seinem zweiten Spielfilm an ein Thema, mit dem man beinahe nur scheitern kann. Er erzählt die Geschichte einer persönlichen Trauerarbeit und verbindet sie wie selbstverständlich mit der Katastrophe von New Orleans. Zwar geht es vor allem um die Bewältigung eines familiären Dramas, doch ist der Handlungsort sicherlich nicht zufällig gewählt. Spätestens als Dougs Ehefrau den Schritt ins Freie wagt und von Indianapolis mit dem Auto ins über tausend Kilometer entfernte New Orleans fährt, zeigt sich, dass die Rileys und das „adoptierte“ gefallene Mädchen nicht nur eine zerbrechliche Ersatzfamilie bilden, sondern auch ein allegorisches Bündnis zwischen der US-amerikanischen weißen Mittelschicht und der „gefallenen“ Stadt New Orleans schließen. Mit den häuslichen Aufräumarbeiten suchen Scott und sein Drehbuchautor Ken Hixon bewusst die Nähe zum Wiederaufbau nach der „Katrina“-Katastrophe und holen die Entwurzelten und Ausgestoßenen symbolisch in die Mitte des Landes zurück.

Scheue Vertrautheit

Das kleine Wunder von „Willkommen bei den Rileys“ besteht nun gerade darin, dass diese Allegorie zwar stets im Hintergrund präsent bleibt, die Figuren aber nicht erdrückt, sondern befreit. Scott blendet alles aus, was an bloßen Katastrophentourismus erinnern könnte, und lässt den Darstellern viel Raum, sich zu entfalten. Er braucht lange nicht einmal auszusprechen, warum sich Doug so aufopferungsvoll um das junge Mädchen kümmert; die nächtliche Szene, in der er der Schlafenden vorsichtig über die Haare streicht, sagt schon genug.

Auch die beiden anderen Darsteller nehmen die ihnen gebotenen Möglichkeiten dankbar an. Melissa Leo hat gerade für ihre karikaturhaft angelegte Rolle in „The Fighter“ den Oscar bekommen; verdient hätte sie ihn für die Zurückhaltung, mit der sie hier Loïs Rileys Rückkehr ins Leben feiert. Und wenn „Twilight“-Star Kristen Stewart demnächst Bella Swan aus den Kleidern schütteln will, kann sie immerhin schon auf die erstaunlich sichere Darstellung einer haltlosen Figur verweisen. Gerade zwischen ihr und Gandolfini entwickelt sich eine scheue Vertrautheit, die einen nicht nur Mafiosi und Vampire vergessen lässt, sondern auch sämtliche Klischees, die einem in Filmen über Ersatzfamilien sonst begegnen.

Willkommen bei den Rileys, Regie: Jake Scott, USA/Großbritannien 2010, 110 Minuten.

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