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Film

31. Mai 2011

Filmstart "Wir sind was wir sind": Leichte Mädchen sind schwer verdaulich

 Von Michael Kohler
Noch ist es an der Wasseroberfläche ruhig...  Foto: Alamode Film

Im Kanibalen-Haushalt bricht die Panik aus: Der Vater ist nicht heimgekommen, und die drei erwachsenen Kinder fragen sich, wer nun das Essen auf den Tisch stellen soll. Kunstvoll und glänzend gespielt.

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Ein von Schmerzen gebeugter Mann stolpert die Rolltreppe einer Einkaufspassage hinauf, bleibt vor der Auslage eines Modegeschäftes stehen und starrt die leicht geschürzten Schaufensterpuppen mit hungrigen Augen an. Als er sich für einen Augenblick selbst im Fensterglas gespiegelt sieht, wendet er sich mit ungläubigem Entsetzen ab. Er stürzt, krümmt sich ein letztes Mal und haucht sein Leben mit einem Schwall Erbrochenem aus.
Jorge Michel Grau beginnt sein Regiedebüt „Wir sind was wir sind“ mit einem inszenatorischen Kabinettstück und spannt uns mit der Todesdiagnose nicht lange auf die Folter. Ein stolzer Leichenbestatter hält zwei Polizisten den künstlichen Fingernagel mitsamt unverdautem Finger hin, an dem der Tote offenbar verendet ist. „Sie würden staunen“, fügt er verschwörerisch hinzu, „wie viele Menschen in dieser Stadt andere Menschen essen.“

Gelangweilte Sachlichkeit

Diese „vielen Menschen“ lernen wir alsbald kennen. Denn im Kannibalen-Haushalt bricht derweil die kalte Panik aus. Der Vater ist nicht heimgekommen, und die drei erwachsenen Kinder fragen sich, wer nun das Essen auf den Tisch stellen soll. Auch die Mutter ist verzweifelt und schimpft auf ihren Mann und dessen Vorliebe für den Straßenstrich – dort nämlich ging er bevorzugt auf die Pirsch. Als das Datum eines geheimnisvollen Rituals näher rückt, müssen die beiden dafür schlecht gerüsteten Söhne in die Fußstapfen des Vaters treten...

Sardonisch ist das passende Wort für diesen kunstvollen und glänzend gespielten Kannibalenfilm – dem Besten, den dieses schlecht beleumundete Genre seit langem zu bieten hat. Grau schwelgt lustvoll in der elenden Düsternis von Mexiko City und lässt sich die hysterisch-mörderische Gruppendynamik der Familie – pardon – geradezu auf der Zunge zergehen. Die Schockeffekte halten sich dafür im Rahmen: Nichts ist gruseliger als die gelangweilte Sachlichkeit, mit der ein Putzkommando die sterblichen Überreste des Vaters aus der Konsumlandschaft entfernt. Im Kino geht das nicht so leicht.

Wir sind was wir sind, Regie: Jorge Michel Grau, Mexiko 2010, 90 Minuten.

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