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Film

13. Januar 2016

FR-Filmkritik „The Big Short“: Zu den Betrügern gehören die, die sich betrügen lassen

 Von Rainer Voss
Christian Bale als Michael Burry in „The Big Short“.  Foto: dpa

Die Parallelwelt Wall Street: Adam McKays Filmwerk gibt sich als Farce, entwirft dabei aber das realistische Bild einer aus den Fugen geratenen Welt.

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Ende der 80er Jahre hatten viele angehende Investmentbanker ein unscheinbares Taschenbuch namens „Liar’s Poker“ in ihren Schreibtischen. Es beschreibt autobiographisch die Zeit eines Berufseinsteigers namens Michael Lewis bei Salomon Brothers Inc. an der Wall Street.

Viele dieser Banker sind gescheitert, Salomon Brothers ist Geschichte, aber aus Michael Lewis wurde ein brillanter Journalist, der heute als Wirtschaftsredakteur für „Vanity Fair“ arbeitet. Bereits 2008 begann Lewis an einem Buch zu recherchieren, das die Vorgänge um den Kollaps des amerikanischen Immobilienmarktes zum Gegenstand hatte. Eben dieses Buch bildet die Vorlage für „The Big Short“ von Regisseur Adam McKay, dessen Geschichte bis in die 70er-Jahre Comedy-Show „Saturday Night Life“ zurückgeht.

Als Theaterstück würde man „The Big Short“ wohl als Farce bezeichnen; es gibt einige überraschende, übersteigerte Effekte, die allerdings angesichts der noch aberwitzigeren zugrundeliegenden Ereignissen dem Film fast dokumentarischen Charakter verleihen. Ähnlich wie in „House of Cards“ wenden sich die Akteure an die Zuschauer; dem Betrachter die nicht trivialen finanztechnischen Zusammenhänge nahezubringen, löst McKay geradezu genial: Wie in Pop-Up Büchern treten ab und an Celebrities wie Margot Robbie, Selena Gomes oder Star-Koch Anthony Bourdain aus der Handlung heraus und erläutern anschaulich, wie Subprime-Kredite, Repackaging oder CDO2 funktionieren.

Was ist eigentlich mit uns los?

Brad Pit als Ben Rickert und Finn Wittrock als Jamie Shipley.  Foto: dpa

Vordergründig geht es in „The Big Short“ um das Stereotyp einer entfesselten Finanzindustrie, die die Zivilgesellschaft als Geisel genommen hat. Man kann es dabei belassen, aber im Kern stellt „The Big Short“ die entscheidende Frage: Was ist eigentlich mit unserer Gesellschaft los? In einer sehr kurzen Sequenz läuft im Hintergrund eine Nachrichtensendung über die Doping-Untersuchungen gegen Lance Armstrong, und der Zuschauer realisiert, dass VW, die Deutsche Bank, eben jener Lance Armstrong und all die anderen Verstöße gegen grundlegende moralische Prinzipien demselben Quell entspringen: Parallelgesellschaften, deren Regeln nicht denen entsprechen, die einer aufgeklärten, gleichberechtigten Gesellschaft zuträglich sind.

Seine stärksten Momente hat der Film, wenn genau diese Brüche mit alten Wertvorstellungen offen thematisiert werden. Einer der Protagonisten adressiert auf dem Podium eines Kongresses führender Banker den Riss zwischen der Wall Street und dem Rest der Gesellschaft und endet wieder bei der Frage: „Was machen wir hier eigentlich ?“

Auch das Thema Schuld wird in „The Big Short“ nicht stereotyp abgehandelt, sondern es wird deutlich, dass wir als Gesellschaft in einer klassischen griechischen Drama-Situation verstrickt sind. Am deutlichsten verkörpert dies eine Szene, in der ein Fondsmanager mit einer Striptease-Tänzerin über ihre Immobilieninvestments spricht und erfährt, dass diese fünf Häuser und ein Apartment besitzt, ohne zu verstehen, wie die dahinter liegenden Hypotheken funktionieren. Für einen Betrug braucht es halt Betrüger und Betrogene und nicht selten ist die Triebfeder auf beiden Seiten dieselbe – die Gier nach Mehr.

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Dafür, dass dieses Mehr nicht notwendigerweise Geld im engeren Sinne sein muss, steht die Figur des Dr. Michael Burry. Ihm geht es darum, Recht zu haben. Stur setzt er das Kapital seiner Firma auf die von ihm entdeckte Anomalie im Hypothekenmarkt; die Unsumme, die am Ende seiner Spekulation steht, ist für ihn ist lediglich der monifizierte Beweis seiner Genialität.

Wie sonst nur J.C. Chandors „Margin Call“ und die Doku „Inside Job“ vermittelt „The Big Short“ ein realistisches Bild einer aus den Fugen geratenen Welt, deren Skurrilität manchem Zuschauer fiktiv vorkommen mag. Man verlässt das Kino mit dem beklemmenden Gefühl, dass das dicke Ende noch kommt.

The Big Short. Regie: Adam McKay. USA 2015. 131 Min.

Rainer Voss war Investmentbanker, heute lebt er als Privatier in Frankfurt. In Marc Bauders Dokumentarfilm „Master of the Universe“ ( 2013) erzählt er von der Arbeit auf dem Finanzmarkt.

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