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Film

05. Januar 2016

FR-Filmkritik „The Revenant“: Geister pflastern seinen Weg

 Von 
Scout Hugh Glass, gespielt von Leonardo DiCaprio, in mystisch aufgeladenen Schneelandschaften.  Foto: dpa

Superstar Leonardo DiCaprio ist ein filmisches Ereignis in „The Revenant“. Der Spätwestern von Regisseur Alejandro G. Iñárritu sucht das Magische in wirklich großen Bildern.

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Hollywoods Actionfilme handeln vom Überleben, doch Leonardo DiCaprio wurde in jungen Jahren durch sein filmisches Ableben unsterblich. Nicht die Wirkung der Spezialeffekte, sondern die Energie des Dreiundzwanzigjährigen war der Motor von James Camerons „Titanic“. Sein Filmtod war derart in aller Munde, dass damals wohl kaum jemand im Publikum saß, der ihn nicht bereits in makabrer Sehnsucht antizipierte. Schicksalsergeben wurden manche Zuschauerinnen zu Wiederholungstäterinnen, zehn-, fünfzehnmal ertränkten sie ihr Idol in ihren Tränen.
Für einen Oscar wurde der Nachwuchsstar für „Titanic“ dennoch nicht einmal nominiert – dagegen für die vorausgegangene Nebenrolle eines behinderten Jugendlichen im Drama „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“. Das war eine dieser Rollen, die spielen muss, wer einen Oscar gewinnen will. Man kriegt sie kaum für Figuren, die eine auf Action basierende Handlung vorantreiben. Es sind die Momente der Innerlichkeit, die als eines Oscars würdig gelten.

Doch DiCaprio sah sich auch in den folgenden 20 Jahren lieber in den großen Heldenrollen und spielte nur selten Figuren, die ihm wirkliche Wandlungen abverlangten. Kein Wunder, dass ihn die Akademie meist ignorierte. In diesem Jahr soll das anders werden? Das ist keineswegs gesagt und dürfte wohl eher wegen fehlender Konkurrenz passieren.

Genau besehen spielt DiCaprio in „The Revenant“ auch nichts anderes als in „Titanic“, nämlich den menschlichen Dreh- und Angelpunkt in einem visuell spektakulären Historiendrama. Nur dass er diesmal etwas größere Chancen hat, dem Tod am Ende von der Schippe zu springen.

Nicht weil er um 1820 in den verschneiten Weiten, eisigen Wassern und unwegsamen Wäldern des späteren Montana oder Wyoming auf sicherem Boden stünde. Die Kinokonventionen sind schlicht auf seiner Seite: Wer schon im ersten Drittel eines Films einen Indianerangriff in Überzahl übersteht, einen Zweikampf mit einem Bären überlebt und schließlich aus dem feuchten Grab klettert, das ihm ein falscher Freund geschaufelt hat – der macht es noch ein Weilchen.

Tom Hardy spielt John Fitzgerald als enthemmten Mitläufer jenes kollektiven Verbrechens, das die Eroberung des Westens an den Ureinwohnern darstellte. Auch DiCaprios Figur des Scouts Hugh Glass, der unter Pawnee aufgewachsen ist, ihrer nativen Kultur näher steht als der seiner weißen Abstammung und doch in die Dienste der Eroberer tritt, ist aus der Westerngeschichte nicht unbekannt. Trapper und Scouts sind meist Mittlerfiguren zwischen den Kulturen, die für sich keinen Platz in irgendeiner sozialen Gemeinschaft beanspruchen.

Das direkte Vorbild scheint Sydney Pollacks Western „Jeremiah Johnson“, in dem Robert Redford bereits 1972 einen Zivilisationsflüchtling in mystisch aufgeladenen Schneelandschaften spielte. Doch während die Wälder damals durch den Glauben der Ureinwohner ihre metaphysische Aufladung bekamen, erscheinen Glass in seiner Todesnähe plötzlich gotische Kirchenfenster. Im letzten Drittel zieht eine merkwürdig diffuse Religiosität in den Film ein, die in einem unaufgelösten Widerspruch steht zu seinem stumpfen Rachemotiv.

Denn der Gute muss, so weit, so „Western“, natürlich den Bösen zur Strecke bringen wollen. Für Hugh Glass ist es weniger der Mordversuch am eigenen Leib als die Liquidierung seines Sohnes, die in Selbstjustiz gesühnt werden soll. Im letzten Drittel wird aus einem außergewöhnlichen Film dann plötzlich ein recht gewöhnlicher.

Schon immer war der magische Realismus Iñárritus hervorstechendes Stilmerkmal. Hier, in seinem ansonsten formvollendeten Film, wirkt die Suche nach dem Erhabenen ebenso aufgesetzt wie das banale Rachemotiv. Doch die Augenblicke geschmacksvergessener Überhöhung sind die Ausnahme in einem Film, der sonst durch eine subtil verfremdete Wirklichkeitsauffassung überzeugt.

Dem Tod mehrmals von der Schippe springend: Leonardo DiCaprio als bärenstarker Trapper Hugh Glass.  Foto: dpa

Gleich drei Sprachen der Ureinwohner werden in diesem Film gesprochen: Pawnee, Arikara und Lakota. Doch normalerweise scheitert das Bemühen um eine vom Eurozentrismus befreite Tonspur im Western bei der Filmmusik, wenn – und sei es nur aus Gründen des Kontrasts – spätromantische Sinfonik erklingt. Umso sinnvoller das Engagement des Japaners Ryuichi Sakamoto, eines Pioniers der Elektronik. Der 63-Jährige, bei dem im vergangenen Jahr Kehlkopfkrebs diagnostiziert wurde, hat hier gemeinsam mit dem Deutschen Carsten Nicolai ein Meisterwerk einfühlsamer Filmmusik geschaffen.

Die größte Szene hingegen ist der Filmanfang. Da führt DiCaprios Filmfigur für eine Biberjagd etwa vierzig Amerikaner durch indianisches Territorium – wo die meisten bald von Pfeilen getroffen werden. Wenn hier jemand einen Oscar verdient, ist es der Kameramann Emmanuel Lubezki („The New World“, „Gravity“, „Birdman“). Wie er in diesem Film mit Naturlicht arbeitet, wie er durch Ausnutzung der Tageszeiten dramatische Effekte erzeugt, erinnert an den prunkvollen Realismus amerikanischer Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts.

Iñárritu liebt das Pathos, doch eigentlich braucht er dafür nicht mehr, als ihm Lubezki auch ohne Übertreibung liefern kann: Wirklich große Bilder, in denen auch ein übermenschlicher Überlebenskampf stimmig und glaubhaft erscheint. Sicher, wenn DiCaprio mit letzter Kraft den Bären erlegt, hat er ein Heer digitaler Animationskünstler auf seiner Seite. Doch was die Landschaftsfotografie allein bewirkt, das ist das Ereignis von „The Revenant“: Keine Sekunde zweifelt man daran, das noch unzersiedelte Land mit den Augen von 1820 zu sehen, in all seiner Schönheit und vielleicht sogar mit seinen Geistern.

The Revenant. USA 2015. Regie: Alejandro G. Iñárritu. 156 Min.

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