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Film

13. Oktober 2010

Gainsbourg-Biopic: Ein Mann im Dunst und in der Frauengunst

 Von Katja Lüthge
Casta spielt Bardot, Elmosnino ist Gainsbourg.

Joann Sfar hat mit Éric Elmosnino einen kongenialen Film über Serge Gainsbourg gedreht: Es ist das Leben eines Abenteurers, der sich ohne Rücksicht auf sich oder andere in den Dingen verliert, die er liebt: die Musik und die Frauen. Eine liebevolle Verbeugung.

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Als Serge Gainsbourg fünfundvierzigjährig im Mai 1973 nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus wieder zu sich kommt, gilt seine größte Sorge den Zigaretten. Seine notorische Nikotinsucht ist ein verbürgter Fakt und weißer, grauer, blauer, ach was, Rauch in allen Farben ist es dann auch, der gewissermaßen den roten Faden in Joann Sfars Regiedebut „Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“ bildet. Der gesammelte Rauch scheint sich auch zu einer Art Assoziationsraum zu verdichten. Er habe sich mehr für Gainsbourgs Lügen als für dessen Wahrheiten interessiert, sagt der 1971 geborene Sfar – darin besteht der Reiz des charmanten Films, der in Zeit und Raum herumspringt und mit animierten Szenen ins Surreale driftet. Die Klammer bildet indes der rauchende Titelheld.

Genüsslich zieht der dreizehnjährige Lucien im allerersten Bild, am Strand stehend, an einem Zigarettenstummel. Für diesen kurzen Moment scheint der Jüngling noch mit sich eins zu sein, doch, wie bald deutlich wird, ist der Gainsbourg Sfars eine wahrlich multiple Persönlichkeit. Es ist 1941 und die Nazis haben Paris besetzt. Lucien, der erst später zu Serge werden wird, streicht durch die Gassen, als ihm im Wortsinne die Fratze eines hässlichen Juden von einem Plakat entgegenspringt. Der Versuch, ihr zu entfliehen, sie gar zu erschießen, misslingt. Als „Die Fresse“ einer Figur mit riesigen Ohren, einer gigantischen Hakennase und schlitzartigen Augen wird sie vielmehr zu seinem Alter Ego werden – mal beleidigend, mal buhlend und natürlich immer rauchend.

Wie Gainsbourg entstammt Sfar einem jüdischen Elternhaus. In zahlreichen Arbeiten hat sich der produktive Comic-Künstler mit dem sefardischen und aschkenasischen Erbe seiner Eltern auseinandergesetzt. In „Die Katze des Rabbiners“ lässt er ein fantastisches farbiges maghrebinisches Judentum wieder auferstehen und in dem ungleich ruppigeren „Klezmer“ seine überdrehte Version eines osteuropäischen Schtetl. Es scheint, als würde er in dem bewunderten Gainsbourg, dem Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, einen Seelenverwandten sehen. Mit ihm teilt er die Leidenschaft für Kunst und Musik. Der junge Gainsbourg wollte eigentlich Maler werden, bei Sfar verkauft der gewitzte Junge Aktbilder an seine Schulkumpels. Der Regisseur lässt ihn sogar einen Comic zeichnen, und spätestens da wird klar, wie viel Sfar in diesem Gainsbourg steckt. Deutlich zu sehen ist dies, wenn er Lucien während des Zweiten Weltkriegs an einer endlosen Schlange Wartender vorbeistürmen lässt, um im Büro des Kommandanten seinen „Judenstern“ als Erster zu erhalten. Nach dem Krieg ist Serge beim wilden Musizieren mit traumatisierten Kindern von Holocaust-Opfern zu sehen.

Der erwachsene Serge Gainsbourg, der Chansonnier, wird von Éric Elmosnino gespielt. Nicht nur dessen äußerliche Ähnlichkeit mit Gainsbourg ist erstaunlich. Die von ihm eingespielten Interpretationen von Gainsbourgs Liedern sind kongenial, der Schauspieler schafft es auch, die Melancholie und die verschiedenen Ideen zu einer Figur zu verschmelzen, die einen wahrhaften Serge Gainsbourg ergeben. Ihn lässt der Film in herrlich ausgestatten und farbigen Dekors mit Juliette Gréco (Anna Mouglalis), Brigitte Bardot (Laetitia Casta) und Jane Birkin (Lucy Gordon, der nach ihrem Selbstmord dieser Film gewidmet ist) zusammentreffen.

Es ist das Leben eines Abenteurers, der sich ohne Rücksicht auf sich oder andere in den Dingen verliert, die er liebt: die Musik und die Frauen. Ein intensives Dasein, befeuert von Selbstzweifeln und Exzessen, dem jahrzehntelanger erheblicher Alkohol- und Nikotinkonsum 1991 ein Ende setzt. „Gainsbourg“ ist eine liebevolle, tiefe Verbeugung vor diesem Mann und seiner Musik.

Gainsbourg, Regie: Joann Sfar, Frankreich 2010, 120 Minuten.

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