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Generationenporträt "Alle anderen": Nichts für Feiglinge

Maren Ades Kammerspiel "Alle anderen" ist einer der schönsten Filme vom Älterwerden. von Daniel Kothenschulte

Der Geschmackskanon ist schon längst keine sichere Bank mehr: Birgit Minichmayr und Lars Eidinger als Gitti und Chris.
Der Geschmackskanon ist schon längst keine sichere Bank mehr: Birgit Minichmayr und Lars Eidinger als Gitti und Chris.
Foto: verleih

Jetzt, wo er nicht mehr im Film ist, kann man den Schluss ja verraten. Was bringt eine lebensbejahende junge Frau, die mit ihrem Freund, einem künstlerischen Architekten, ein paar Sommerwochen auf Sardinien verbringt, dazu, dauernd ihre Abschiede zu proben? Sicher, man fragt schon mal kokett, ob der Partner einen eigentlich vermisst. Aber sich gleich melodramatisch tot zu stellen, wie wir es in einer Filmszene von rätselhafter Dramatik erleben?

Bevor Maren Ades tragikomisches Generationenporträt "Alle anderen" zu jenem lichtdurchfluteten Ferien-Kammerspiel wurde, das zu Recht zwei Berlinale-Bären gewann, war es ein Drehbuch. Ein ganz vorzügliches, wie sich jeder vorstellen kann, der sich jetzt im Kino von den hintergründigen Pointen mitreißen lässt. Allerdings wartete es noch mit einem fünften Darsteller auf, der das Ensemble auf der Urlaubsinsel - unser idealistisches Paar und noch ein zweites, bodenständigeres - ergänzte. Dieses fünfte Rad am Wagen war der Tod.

Die von Birgit Minichmayr verkörperte Frau schien in diesem Buch von einer realen Todesahnung getrieben, vielleicht das Wissen um eine Krankheit. In einem letzten, rasch verwelkenden Sommer hätte sie sich noch einmal ihrer Liebe vergewissert - und diese dann doch im fortgeschrittenen Verfall ertappt. So hätte sie eben die zweite, unwiderrufliche Ebene des Abschieds vom Leben mit ihrem Freund für sich behalten. Und all jenen vorenthalten, die im Filmtitel stehen: Allen anderen.

Pardon, es gehört sich nicht, am gelungenen Premierentag über verworfene Fassungen zu reden und über das zu spekulieren, was auch hätte sein können. Indem Maren Ade diese Lesart ihres komödiantischen Dramas wieder auswischt, schenkt sie uns die nötige Unbeschwertheit, es einfach zu genießen. Vielleicht aber wäre dieser blasse Farbton der Transzendenz doch die eine, noch fehlende Nuance zum Meisterwerk gewesen. In jedem Fall ist "Alle anderen" ein großartiger und beglückender Film.

Wie schon eine Reihe deutscher Filmemacher im Umfeld der "Berliner Schule" wählt die Regisseurin die Kulisse eines Urlaubs als Hintergrund eines Beziehungsfilms. So feinsinnig aber, wie hier die verletzliche Geschichte eines frisch verliebten Pärchens erzählt wird, das in einem geliehenen Ferienhaus eine Bühne für eine mögliche Zukunft findet, hat man das noch nicht gesehen.

Knapp über dreißig, gehören Birgit Minichmayr und Lars Eidinger als Gitti und Chris zur schweigenden Mehrheit all jener, die das Erwachsenwerden nie gelernt haben. Verheißung und Schrecken einer bürgerlichen Existenz begegnen den beiden in einem zweiten Paar, einem erfolgreichen Architekten und einer Modeschöpferin (Hans-Jochen Wagner und Nicole Marischka). In einem Augenblick, da der Kredit der Jugendlichkeit aufgebraucht ist, aber noch nichts Neues an seine Stelle getreten ist, kann man sich nur noch durch eines vom Establishment absetzen: unkorrumpierte Coolness. Geschmackssicherheit und Unangepasstheit als Gegengift gegen das drohende Verspießern.

Der zentrale Spielort des Films steht für den ebenso verachteten wie unverzichtbaren materiellen Nährboden des Traums von individueller Freiheit. Es ist das Ferienhaus des Vaters von Chris - die Architektur untadelig modern, die Einrichtung ein wenig peinlich. Zum umstrittenen Inventar gehört eine CD von Herbert Grönemeyer. Sie liefert den Soundtrack zu einer großartigen Sequenz, einem Wendepunkt des Dramas.

An der Reaktion auf die Live-Aufnahme von "Ich hab dich lieb" trennt sich dann in der stärksten Szene die Spreu vom Weizen: Die private Gefühlswelt, wachgekitzelt von einem populären Song, und der bessere Kunstgeschmack - das sind verschiedene Systeme, die sich bekämpfen. Glücklich, wer sich mit beiden Kräften arrangieren kann (es gab übrigens eine ähnliche Szene am Ende von Valeska Griesbachs vergleichbar bewegendem Selbstfindungsdrama "Sehnsucht" mit dem Robbie-Williams-Hit "Feel").

Maren Ades Film ist ein wunderbares Plädoyer dafür, unter dem Druck des Geschmacksdiktats auf die eigene Stimme zu hören - auch wenn sie gegen jeden Widerstand von den mächtigen Metaphern eines Herbert Grönemeyer angeschlagen wird. Nur in der Gegenwart des Anderen, meinte Hegel, könne es auch ein Ich geben. Wer das Andere vernichtet, der tötet sich selbst.

Die erst 1978 geborene Regisseurin hat mit erstaunlicher Weitsicht erfasst, an wie viele Äußerlichkeiten die so genannte Selbstverwirklichung geknüpft ist. Doch wer die sichere Bank des Geschmackskanons einmal verlässt, der findet sich vielleicht im Anderen, dem eigentlich Fremden wieder. Da die heute vorherrschenden Geschmackssysteme eng mit der Jugendkultur verbunden sind, ist "Alle anderen" auch ein kluger Film über das Altern. "Altwerden ist nichts für Feiglinge", sagte schon Bette Davis. Und wie wenig konnte sie damals ahnen, wie recht sie erst haben würde, seit die Popkultur die Leitkultur geworden ist.

Alle anderen, Regie: Maren Ade, Deutschland 2008, 124 Minuten.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  18 | 6 | 2009
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