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Gerard Depardieu: Die Ferien des Monsieur Chabrol

Geniestreich trügerischer Beschaulichkeit: In Claude Chabrols "Kommissar Bellamy" ist der Mordfall weniger ästhetischer Selbstzweck als Türöffner in das Milieu, in dem sie sich ereignen. Von Michael Kohler, ( mit Video)

Gerard Dépardieu als Kommissar Bellamy und Vahina Giocante als Geliebte des vermeintlichen Mörders.
Gerard Dépardieu als Kommissar Bellamy und Vahina Giocante als Geliebte des vermeintlichen Mörders.
Foto: Concorde

Einen andächtigen Augenblick verweilt die Kamera am Grab des Chansonniers Georges Brassens, bevor sie in gemächlicher Ruhe über den idyllischen Friedhof schwenkt und sich schließlich auf einen Steilhang zubewegt. Wieder hält die Kamera einen Moment inne, doch dieses Mal in schelmischer Vorfreude: Die Meeresklippe gibt den Blick auf ein ausgebranntes Autowrack frei, dessen verkohlter Fahrer das Lenkrad noch in Händen hält, obwohl er samt Sitz auf den Strand geschleudert wurde. Wäre der Kopf des Toten nicht einen Meter zur Seite gerollt, ließe sich seine Körperhaltung als vorbildlich bezeichnen.

Mit den ersten Bildern seines 58. Films frönt Claude Chabrol wieder einmal seiner Lust am Makabren. Dieses Mal liefert sie ihm das groteske Vorspiel zu einem ansonsten aufreizend unspektakulär inszenierten Kriminalfall. Nach der Titelsequenz überrascht die Kamera den berühmten Kommissar Bellamy beim Fernseh-Nickerchen und nimmt dabei bereits vorweg, wie dessen beachtliche Leibesfülle Tempo und Rhythmus des Films bestimmen.

In den zahlreichen Dialogszenen begnügt sich Chabrol meist mit klassischen Schuss/Gegenschuss-Einstellungen, die Montage passt sich der beschaulichen Urlaubsatmosphäre an, wenngleich Bellamy seinem Beruf auch in den Ferien nicht entkommt: Ein Mann gesteht ihm einen Mord, den er nicht begangen hat, um möglicherweise einen anderen umso wirkungsvoller zu vertuschen.

Bellamy, Trailer. Frankreich 2009

Schnell findet Bellamy heraus, dass ihm der Unbekannte eine falsche Identität vorspiegelt und in Wahrheit ein gesuchter Versicherungsbetrüger ist. Um mit seiner Geliebten ein neues Leben anfangen zu können, täuschte er seinen Tod bei jenem Autounfall vor, dessen grauslichen Ausgang wir schon kennen. Und weil sich die Versicherung nicht überlisten ließ, versucht er nun Bellamy als Komplizen zu gewinnen.

Mit "Kommissar Bellamy" schreibt Claude Chabrol eine Tradition des französischen Kriminalfilms fort, in der Mordfälle weniger ästhetischer Selbstzweck sind als Türöffner in das Milieu, in dem sie sich ereignen. Diese Tradition begann ausgerechnet mit dem von der Nouvelle Vague verachteten "Kino der Qualität", wobei Chabrol das Kunststück gelang, seine Filme als eigenes Genre zu etablieren. In ästhetischer Hinsicht genügt ihm bereits die kleinste Irritation der bürgerlichen Normalität, um ein Unheil anzukündigen: Wenn Bellamy bei einem Hausbesuch auf eine achtlos am Boden liegende Gießkanne stößt, ist die tot über dem Blumenkasten hängende Hausfrau nicht weit. Und natürlich kann es sich Chabrol nicht verkneifen, auf das Bild des enthaupteten Leichnams zurückzukommen, indem er das Mundstück der Gießkanne ein wenig seitlich arrangiert.

Chabrol lehnt seinen Kommissar gekonnt an die berühmte literarische Figur Maigret an und fügt noch ein paar Charakterzüge seines Hauptdarstellers Gérard Depardieu und nicht zuletzt auch seiner selbst hinzu. Bellamy ist ein brummiges Instinktwesen, das weniger polizeilichen Ermittlungstechniken als seiner Menschenkenntnis vertraut, und damit ein wenig dem von Chabrol in "Hühnchen in Essig" eingesetzten Inspektor Levardin ähnelt. Auf seine Weise zieht Bellamy die Bilanz des Chabrol"schen Werks: Er ist ebenfalls ein Chronist der bürgerlichen Doppelmoral, ein altgedienter Ermittler, dem nichts Menschliches fremd ist und der durchaus Verständnis für diejenigen entwickelt, die er mit altmodischer Beharrlichkeit zur Strecke bringt.

Im Vergleich zu anderen Chabrol-Filmen erscheinen die moralischen Abgründe dieses Mal nicht bodenlos. Am Ende bleibt sogar ungewiss, ob überhaupt ein Mord geschehen ist, und doch lässt "Kommissar Bellamy" tief in verzweifelte Seelen blicken. Chabrol treibt die Merkmale seiner kriminalistischen Milieustudien dabei auf die Spitze, indem er die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem konsequent verwischt. So erfährt Bellamy beim Abendessen mit dem Zahnarzt seiner Frau aufschlussreichen Klatsch und Vertrauliches aus den Ermittlungsakten, während die Konflikte mit seinem zu Besuch weilenden Halbbruder immer größere Aufmerksamkeit beanspruchen. Am Ende zeigt sich, dass es auch in dieser Beziehung um Schuld und Sühne geht, und man staunt, wie lange sich unter der bürgerlichen Oberfläche im Grunde unvereinbare Gegensätze verbergen lassen.

Kommissar Bellamy, Regie: Claude Chabrol, Frankreich 2009, 110 Minuten.

Autor:  Michael Kohler
Datum:  8 | 7 | 2009
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