Elegant, trotz Lockenwicklern und Haarnetz, läuft Madame Suzanne Pujol in ihrem leuchtend roten Trainingsanzug leichtfüßig durch den lichten Wald. Wie vermutlich jeden Morgen grüßt sie unterwegs mit viel Emphase Hase, Reh und Eichhörnchen, über die sie später possierliche Naturgedichte in ein feines kleines Notizbüchlein schreiben wird. Der Ton heiter-privilegierter Naivität findet sein abruptes Ende mit dem Auftritt von Monsieur Robert Pujol, der dem napoleonhaften Nikolas Sarkozy nicht unähnlich ist. Auf den ersten Blick ist der Besitzer einer Regenschirmfabrik als erzkonservativer Choleriker zu erkennen: Statt seiner Frau für das bereitete Frühstück zu danken, tadelt er sie, weil sie dem Dienstmädchen freigegeben hat.
Für sein „Schmuckstück“, für sein Dekorationsobjekt (so ließe sich der Originaltitel „Potiche“ auch übersetzen) empfindet der Despot solche Tätigkeiten so ärgerlich, wie eine eigene Meinung ihrerseits überflüssig ist. Doch statt zu rebellieren, fügt Suzanne sich mit dem festen Willen zum Glücklichsein in die Rolle als goldbehängte Gattin, gnädige Mutter und großzügige Oma. Auffällig ist allenfalls die Hingabe, mit der Suzanne in Kittelschürze über dem Sportanzug Lieder über die verlorene Liebe aus dem Radio intoniert, während sie die Teller in die Geschirrspülmaschine räumt.
Dem Film ist seine boulevardeske Herkunft deutlich anzumerken
Catherine Deneuve und Fabrice Luchini spielen das Ehepaar Pujol in François Ozons „Das Schmuckstück“, das, auf dem komischen Theaterstück „Potiche“ von Barillet und Grédy beruhend, zuerst 1980 aufgeführt wurde. Tatsächlich ist dem Film seine boulevardeske Herkunft auf erfrischende Weise immer wieder anzumerken, insbesondere das hervorragende Timing der Dialoge dürfte hier seinen Ursprung haben, mehr noch werden ständig neue amouröse Verwicklungen aus dem Hut gezaubert. Doch wenngleich Ozon („8 Frauen“, „Ricky“) die Geschichte einer denkwürdigen Emanzipation überdies in den 70er Jahren belässt, hat er sich die Figuren und die Geschichte auch dank seiner hervorragenden Besetzung ganz und gar angeeignet.
Catherine Deneuve spielt die arglose Suzanne mit ungewohntem Witz und Warmherzigkeit, und es gibt es eine allerliebste Wiedervereinigung des nunmehr gealterten Traumpaares Catherine Deneuve und Gérard Depardieu. Nachdem nämlich Robert Pujol in Folge eines Streiks in seiner Firma einen Herzinfarkt erleidet, muss die Gattin die Verhandlungen mit den geknechteten Werktätigen führen. Um Unterstützung für diese heikle Aufgabe bittet Suzanne ausgerechnet den kommunistischen Gewerkschafter und Bürgermeister Maurice Babin (Depardieu), mit dem sie eine gut verheimlichte romantische Episode aus lange vergangenen Zeiten verbindet. Die weibliche Übernahme der Traditionsfirma gerät jedenfalls zum vollen Erfolg, die Effeminisierung der Arbeitswelt ist deutlich sichtbar – bis zu dem Tag, an dem sich der genesene Pujol mit allen Mitteln auf den Chefsessel zurückputscht.
Insgesamt ist der Schauwert der hinreißenden Ausstattung in „Das Schmuckstück“ hoch, schon im tapetenzitierenden Vorspann werden die 70er Jahre freudig heraufbeschworen. Die Kostüme Suzannes, die sich für ihren ersten Auftritt vor den aufgebrachten Arbeitern mit großem Ernst in Pelz und Perlen präsentiert, sind dagegen auf eher biedere Weise klassisch. Und es sind die genau inszenierten Alltäglichkeiten, die viel über das Verhältnis der Figuren zueinander und über ihr Lebensgefühl aussagen. Denn obwohl die Villa über unzählige riesige Zimmer mit wuchtigen, reich verzierten antiken Möbeln verfügt, nimmt das Ehepaar das Frühstück lieber am Katzentisch in der Eingangshalle ein.
Erste Anzeichen eines anpackenden Wesens darf Suzanne dagegen zeigen, als sie während einer Plauderei mit ihrem Sohn dem Abendbraten ganz handfest den Kopf abhackt. Als radikale Abrechnung mit den Haupt- und Nebenwidersprüchen einer gerechteren Gesellschaft ist „Das Schmuckstück“ vielleicht nur bedingt glaubwürdig. Verglichen mit der geworfenen Schirmverkäuferin, die Catherine Deneuve 1964 in dem gesungenen „Die Regenschirme von Cherbourg“ war, ist die Schirmfabrikchefin Suzanne aber unbedingt als richtiger emanzipatorischer Ansatz zu bewerten. Der bourgeoisen Charmeoffensive mag man jedenfalls gern erliegen.
Das Schmuckstück, Regie: François Ozon, Frankreich 2010, 103 Minuten.