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Günter Wallraff in "Schwarz auf Weiß": Abgeschminkt

In "Schwarz auf Weiß" führt Undercover-Journalist, Günter Wallraff, glaubhaft durchs Deutschland der Rassisten. Doch das Problem ist eher der Hauptdarsteller. Von Daniel Kothenschulte ( mit Video)

Günter Wallraff mit schwarzer Schminke: Ein äußerer Schauwert, der sich aus der Aneignung ergibt. Das macht es aber nicht besser, sondern viel        schlechter.
Günter Wallraff mit schwarzer Schminke: Ein äußerer Schauwert, der sich aus der Aneignung ergibt. Das macht es aber nicht besser, sondern viel        schlechter.
Foto: x-verleih

"Der war so was von schwarz und dann die Haare und ... nein! Ich komme da gar nicht drüber weg. Also, der war so schwarz wie der Heidi Klum ihrer. Deswegen war ich so entsetzt... ." Es gibt nicht viele Gelegenheiten für Hauptdarsteller von Filmen, sich ihre Glaubwürdigkeit noch während der Laufzeit von Spielpartnern bestätigen zu lassen. Offensichtlich hat Günter Wallraff die zufällige Nebendarstellerin überzeugt in der Rolle eines Somaliers, der sich mit versteckter, leider stark verzerrender Mikrokamera unter die Deutschen mischt. Die Kölner Vermieterin zeigt sich gleich nach seinem Besuch felsenfest entschlossen, die Wohnung lieber leer stehen zu lassen, als sie an den schwarzen Wallraff zu geben. Ohne Umschweife outet sie sich gegenüber der nächsten angeblichen Bewerberin.

Im Film "Schwarz auf Weiß", der die während eines Jahres an verschiedenen deutschen Orten gesammelten Erlebnisse Wallraffs dokumentiert, enttarnt der Maskierte landauf landab den namenlosen Rassisten. Leider ist die Vermieterin nahezu die einzige Vertreterin der Mittelschicht. Ansonsten geht die Deutschlandreise zielsicher an Orte mit der größten erwartbaren Trefferquote: Zu Schrebergarten-Pächtern, einem Verein, der Kampfhunde trainiert oder - direkt ins Herz des Orkans - zu Fußballfans von Cottbus bei einem Lokalderby.

Es ist die aufwändigste Filmrolle des 67-Jährigen seit dem Türken Ali in der Kinoversion von "Ganz unten" (1986). Wie er jetzt anlässlich der Kölner Premiere innerhalb des WDR-Symposiums "Plötzlich so viel Heimat!" ausführte, spiele er dabei lediglich sich selbst - wenn auch mit dunkel geschminktem Körper. Das mag so sein, allerdings ist auch eine Selbstdarstellung im Kino eine Rolle. Und gerade weil Wallraff in dieser Rolle genauso freundlich agieren möchte wie im wirklichen Leben, sagt er auch gern mal ein Wörtchen zu viel, um eine bestimmte Reaktion zu erreichen.

So beklagt er etwa in der Szene mit der Vermieterin das Fehlen eines Duschvorhangs, was sein Gegenüber dankbar aufnimmt, um über die zweifelhafte Hygiene gebrauchter Badezimmertextilien zu dozieren. Nun kann sie ihre Ablehnung mit einem Vorurteil über Unreinlichkeit ausschmücken.

Man mag einige Probleme des Films entschuldigen. Die fehlende Dramaturgie der meist unverbunden aneinandergereihten Szenen (Regie: Pagonis Pagonakis und Susanne Jäger) stört überraschend wenig. Die belanglos plätschernde Filmmusik (Michael Emanuel Bauer, Georg Karger,Peter Holzapfel) schon mehr.

Klischee und Wirklichkeit treffen aufeinander

Wirklich beklagenswert aber ist der unreflektierte ästhetische Effekt der Maske. Es ist ja nicht nur die Erinnerung an die üblen Minstrel-Shows, die zum Tabu weißer Schwarzendarsteller führte. Jetzt sieht man einmal die rein praktischen Gründe, es besser zu lassen: Wallraff wirkt in der Rolle niemals vollkommen authentisch. Dass das Falsche an der Filmfigur auf der Straße niemand bemerkt haben soll, beweist nicht, dass man ihn für echt hielt. Ein falscher Schwarzer liegt einfach völlig außerhalb des Erwartungshorizonts. Im Kölner Karneval, wo man die Maskerade erwartet, hätte man ihn vermutlich als Weißen erkannt. Doch wie Sigmund Freud in seinem berühmten Aufsatz über das Unheimliche am Beispiel der Schaufensterpuppe beschrieben hat, irritiert und ängstigt das Unechte bereits auf unbewusster Ebene. Unzweifelhaft traf Wallraff bei den Passanten auf offenen Rassismus. Doch auch jeder andere konnte schon von der Anmutung des Unechten, das jeder Maskerade nun einmal eigen ist, befremdet sein - ohne auch nur zu wissen, warum.

Günter Wallraff: Vorbereitungen für Schwarz auf Weiß

Welchen Grund aber gibt es überhaupt, dass Wallraff die Rolle nicht von einem schwarzen Schauspieler spielen ließ? Auch die Antwort auf diese Frage bestätigt das Tabu: Ein weißer Darsteller schafft einen äußeren Schauwert, der sich aus der Aneignung ergibt. Das Publikum weiß im Gegensatz zu den Mitspielern um den Grad der Verwandlung und bestaunt den Effekt, der doch nur Bühnenzauber ist.

Ohne den von Wallraff offengelegten Rassismus im mindesten zu relativieren, hätte man es auch als älterer Weißer in vielen der gezeigten Situationen nicht gerade leicht. Bei den Türstehern der meisten Diskotheken zählte man kaum zur Kernzielgruppe. In einer kölschen Eckkneipe kann es reichen, aus dem falschen Veedel zu kommen, um sich in Teufels Küche zu verirren. Insbesondere wenn man eine Frau zum Tanz auffordert, die bereits von einem anderen umworben wird.

Gleichwohl ist diese Episode, mit der Wallraff die Domstadt treffend in ihrem Selbstverständnis als vermeintlicher Toleranz-Metropole karikiert, eine großartige Filmszene. Das Kino liebt es, wenn Klischee und Wirklichkeit derart treffend zueinander finden wie in der gruseligen Personage aus rassistischem Wirtsehepaar, brüskiertem Nebenbuhler und rauflustigem Fußvolk. Es ist nicht die einzige Szene, in der Wallraff seine Haut nur um Haaresbreite retten kann. Man darf den Mut des Aufklärers bei diesem Film durchaus bewundern und das Ergebnis dennoch in Frage stellen.

Zu Recht betonte Wallraff in Köln, wie entlarvend die bedenkenlose Freigabe der Aufnahmen durch die heimlich Gefilmten sei: "Sie fürchten nicht, durch ihr Verhalten bloßgestellt zu werden, und fühlen sich im Recht." Das nimmt auch uns Zuschauern die Scheu, sie am verdienten Pranger zu sehen. Die Scheu vor Wallraffs Minstrel-Show aber bleibt.

"Schwarz auf Weiß", D 2009, 86 Min.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  21 | 10 | 2009
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