Der Gerichtsfilm war im alten Hollywood ein beliebtes Genre, weil er wie der Thriller mit einer grundsätzlichen Furcht des zivilisierten Menschen spielen konnte, sich einmal selbst vor einem Richter verantworten zu müssen. Nur Hans-Christian Schmids Film "Sturm" schien frei von dieser Furcht, zumindest für ein deutsches Publikum; spielt er doch am Internationalen Gerichtshof von Den Haag. Das hat sich in den letzten Tagen grundsätzlich geändert.
Nun, da die Bundesrepublik Deutschland womöglich selbst ein Kriegsverbrechen in Afghanistan begangen hat, blickt man auch ein wenig anders auf diesen Schauplatz. Der Film ist noch derselbe, der im Februar auf der Berlinale lief, und doch wirkt er heute in gewisser Hinsicht auch historisch. Damals schien die Blickrichtung eines deutschen Filmemachers auf das Tribunal auch dem Blick der Deutschen zu entsprechen: Neutral, interessiert und mitverantwortlich für diese wichtige Institution, aber auch ohne den Schatten einer eigenen Betroffenheit. So schnell kann sich das ändern.
Anders als etwa die USA hat sich Deutschland seiner Gerichtsbarkeit grundsätzlich unterstellt. Und welcher Trost mag plötzlich darin liegen: Dass eine Regierung, die noch am vergangenen Dienstag jeden Gedanken an die Möglichkeit einer ungerechtfertigten Tötung Unschuldiger unterdrückte, sich vielleicht doch dafür verantworten muss.
Schon ist man in der emotionalen Mitte der politischen Gerichtsbarkeit angekommen, dort, wo ein Schuldbekenntnis bereits mehr wert sein kann als die Bestrafung. Angeklagt ist in Schmids Film der serbische Militär Goran Duric. Er wird beschuldigt, an der Zwangsdeportation von Frauen, die vergewaltigt und teilweise ermordet wurden, beteiligt gewesen zu sein.
Die junge Juristin Hanne vertritt die Anklage, die nach der Falschaussage eines Zeugen in Schwierigkeiten gerät. In der Schwester des Zeugen gewinnt sie eine glaubwürdige Belastungszeugin, die sie gegen Mordversuche erfolgreich abschirmt. Nach einigen Rückschlägen scheint sich für die Anklage alles zu fügen. Doch dann fallen ihr die Karten förmlich aus der Hand.
Das simple Recht ist eine Sache, dann beginnt die Politik: Als der Anwalt des Serben mit Hannahs Vorgesetzten, dem Chef-Ankläger Keith, einen Vergleich aushandelt, kann der Tatbestand von Vergewaltigung und Mord nicht mehr verhandelt werden.
Wer einmal den Haager Gerichtshof für Menschenrechte besucht hat, erlebt ihn tatsächlich als idealen Schauplatz für ein großes amerikanisches Justizdrama: Denn auch wenn die USA die Urteile dort nicht anerkennen, füllen sie doch die Flure mit akademischem Ehrgeiz: So viel hochbegabten Nachwuchs aus den Ivy-League-Universitäten sieht man selten auf engstem Raum.
Hans-Christian Schmid mag einen anderen Eindruck gewonnen haben. "Sturm" zeigt eine junge Institution, die von gestandenen Juristen und Politikern gelähmt wird - bis seine langsamen Mühlen nahezu stillstehen. Es ist die quälende Dramaturgie der Verhinderung, die Schmids Drama seine Spannung gibt.
Foxens feine Performance
Dreh- und Angelpunkt seines Films ist die Performance der britischen Charakterdarstellerin Kerry Fox. Wie eine Lokomotive dampft die endlich ins Rollen gekommene Anklage. Unter die Räder kommt dabei das Opfer, das an der Instrumentalisierung im Zeugenstand erst zu zerbrechen droht, dann die eigentliche Anklägerin wird. Verkörpert von dem rumänischen Star Anamaria Marinca, ist diese Figur in ihrer verstümmelten Emotionalität das Gefühlszentrum des Films: Wieder einmal fördert Schmids einfühlsame Personenregie außergewöhnliche Resultate zu Tage. Schonungslos tilgt er jede Illusion, dass sich die Teufel austreiben ließen. Die Zeichnung der psychischen Verletzungen ist unaufdringlich aber schonungslos - und das von der Staatsanwaltschaft versprochene Hollywood-Ende wird es auch nicht nicht geben, wenn der Schuldige verurteilt würde.
Wenn das filmische Potenzial dennoch nicht ganz ausgeschöpft ist, liegt das an einer unschlüssigen Bildsprache. Die Handkamera schwankt in ersten Szenen, als tage das Seegericht der königlich-niederländischen Marine. Und das pessimistische Bild vom Leben in Sarajewo, das sein Film zeigt, bedürfte zumindest einer Erklärung. Fast zu einer Banalisierung des Themas gerät schließlich ein Element des "Human Touch": Wenn sich die Verquickung von Justiz und EU-Politik auch noch in einer privaten Beziehung der Anklägerin zu einem abgebrühten Politiker spiegeln muss, wird die Anteilnahme auf einen Nebenschauplatz abgelenkt. Das ist Den Haag viel zu lange gewesen: ein Nebenschauplatz.
Sturm, Regie: Hans-Christian Schmid, Deutschland/Dänemark/Nied. 2009, 103 Minuten.