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Horrorfilm "Orphan - Das Waisenkind": Böse Mädchen kommen überall hin

Jaume Collet-Serra spielt im Horrorfilm "Orphan" mit dem Kindchenschema. Ein Waisenkind entpuppt sich als Früchtchen, das Papa gegen Mama ausspielt und Geschwister zu Komplizen macht. Von Michael Kohler ( mit Video)

Vera Farmiga als Kate Coleman (l.) und Isabelle Fuhrman als Esther in dem Horrorfilm Orphan - Das Waisenkind von Jaume Collet-Serra.
Vera Farmiga als Kate Coleman (l.) und Isabelle Fuhrman als Esther in dem Horrorfilm "Orphan - Das Waisenkind" von Jaume Collet-Serra.
Foto: ddp

Wenn eine Sozialarbeiterin ein hilfloses kleines Mädchen im Backofen entdeckt, kommt ihr vielleicht ein Grimmsches Märchen in den Sinn, aber sicher nicht, dass die Eltern der Menschheit gerade einen Gefallen tun. Schließlich gilt für den lieben Nachwuchs immer noch die Unschuldsvermutung, was freilich seit Mervyn LeRoys Klassiker "Die böse Saat" (1956) zahlreiche Horrorfilm-Regisseure nicht davon abgehalten hat, im Kindchenschema die Teufelsfratze zu suchen. In diesem Jahr geht die Saat gleich zweimal auf: Das Ofenbalg aus "Fall 39" ist erst Weihnachten gar, doch mit Jaume Collet-Serras "Orphan - Das Waisenkind" kommt schon jetzt ein ihm ebenbürtiges Schockerlebnis in die Kinos.

Am Anfang erlaubt sich Collet-Serra den Spaß, auf einige der ältesten Genreklischees zurückzugreifen: Eine werdende Mutter schenkt im Kreißsaal einer teuflischen Totgeburt das Leben und erwacht gerade noch rechtzeitig aus ihrem Alptraum. Dieselbe Frau, eine ehemalige Musikprofessorin und Mutter zweier Kinder, schluckt nach einer Fehlgeburt daumengroße Antidepressiva, blickt eine Weile regungslos in ihren Medizinschrank, schließt dessen Tür und sieht im Spiegel plötzlich ein zweites Gesicht; es ist ihr lachender Ehemann. Später besucht das Ehepaar ein Waisenhaus: Die Kamera stiehlt sich davon, erkundet bedächtig die Treppen und Flure, bis kreischende Geigen etwas Monströses aus dem Dunkel scheuchen; natürlich laufen dann nur ein paar spielende Kinder durchs Bild.

Drei Mal gibt Collet-Serra falschen Alarm und hat beinahe schon alles erzählt. Nach der Fehlgeburt wünschen sich Kate (Vera Farmiga) und John (Peter Sarsgaard) ein drittes Kind und finden eine zehnjährige Waise, die schöne Bilder malt, sich auszudrücken und zu benehmen weiß und die Herzen der kultivierten Eltern im Sturm erobert.

Ein altmodisches Früchtchen

Dass sich Esther (Isabelle Fuhrman) ein wenig absondert und altmodische Kleider mit Kragen trägt, schreibt die Schwester Oberin ihrer russischen Herkunft zu. In der neuen Familie entpuppt sich Esther rasch als Früchtchen: Sie spielt den betörten Papa nicht nur geschickt gegen die labile Mama aus, sondern weiß auch genau, wie man die neuen Geschwister im Handumdrehen zu Komplizen macht.

Ob Esther tatsächlich das "fieseste Kind der Filmgeschichte" ist, wie im Presseheft verkündet wird, mag eine Frage für Experten sein. Bestimmt reiht sich Collet-Serra mit "Orphan" aber unter die talentiertesten Horrorfilmregisseure ein. Bei ihm wird eine Kletterburg zum Spukhaus und aus dem bürgerlichen Heim ein Hort psychologischer Kriegsführung. Besonders perfide spielt Collet-Serra der Mutter mit, die in guter alter Gruseltradition das böse Ende ahnt, aber weder bei Psychotherapeutin noch Ehemann Gehör findet. Esther wickelt sie alle um den kleinen Finger und beweist, dass Kinder in brüchigen Beziehungen als Spaltpilz wirken können.

"Orphan - Das Waisenkind", Regie: J. Collet-Serra. USA 2008, 123 Min.

Autor:  Michael Kohler
Datum:  21 | 10 | 2009
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