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Film

30. Juni 2009

Ice Age 3: Die fehlende Tiefe

 Von DANIEL KOTHENSCHULTE
Faultier Sid erfüllt sich seinen Kinderwunsch: Mit Dinosaurier-Eiern, denen er Gesichter aufmalt. Das gibt noch Ärger!

"Ice Age 3" entäuscht - jedenfalls als 2-D-Anime. Als 3-D-Spektakel, als das der Film gedacht ist, hat die deutsche Kritikerwelt ihn noch gar nicht gesehen. ( mit Trailer)

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Was immer man in diesen Tagen über "Ice Age 3" liest, es kann nur der halbe Film dabei gemeint sein. Eine ganze Dimension nämlich fehlte - und damit exakt die halbe Bildinformation - als die deutsche Presse den designierten Sommerhit zu sehen bekam.

Der Verleih Twentieth Century Fox muss schon sehr stolz auf seinen neuen 3-D-Film sein, der von etlichen Kinos gar zum Einstieg ins neue Verfahren auserkoren wurde, wenn er ihn auch im Normalbild für sehenswert hält. Denn das weiß man ja noch vom ersten stereoskopischen Filmboom in den fünfziger Jahren: 3-D-Filme, die auch ohne den Effekt noch überzeugten, waren damals Mangelware.

Einige haben es dennoch zu Fernsehklassikern gebracht - und können zugleich nicht verhehlen, was ihnen dabei fehlt: In Hitchcocks einzigem 3-D-Film "Bei Anruf Mord" zum Beispiel greift Grace Kelly in den vorderen Bildgrund zur tödlichen Schere; in der Raumbild-Version ist sie zum Greifen nahe. Unverkennbar auch die Szene im 3-D-Klassiker "Das Kabinett des Professor Bondi", in der Vincent Price unmotiviert einen Ball an einer Gummischnur ins Publikum abfeuert - für ganze 37 quälende Sekunden.

Nein, von solcher Effekthascherei muss man Manfred, das Mammut von "Ice Age", in Schutz nehmen. Er kann ja nichts dafür, dass seine Stoßzähne artgemäß eine gewisse Größe haben und sie schon deshalb der virtuellen Kameralinse empfindlich nahe kommen. Dafür würde Freund Diego, der mächtige, aber auch bedächtige Säbelzahntiger, auch niemals jemanden anspringen. Und Faultiere wie Sid, der dritte im Eiszeit-Trio, reißen sich ohnehin nicht so schnell ein Bein aus für einen spektakulären Auftritt. Allein Scrat, das agile, Sisyphos-hafte Nagetier und seine ewig-unerreichbare Eichel kullern in allen Dimensionen. Aber das taten sie ja auch schon in den ersten beiden Teilen, ohne dass man sich eine Brille dazu aufetzen musste. Nannte sich nicht der Computer-Trickfilm schon damals 3-D-Animation? So wollte er sich von seiner traditionsreichen Konkurrenz absetzen, dem Zeichentrick auf Bleistift-Basis.

Ice Age 3 - Die Dinosaurier sind los, Trailer USA 2009

Das Nagetier und seine unwillige Beute: Sie waren schon immer das schönste an Ice Age. Unvereinbar und doch auch unzertrennlich. In diesem dritten Teil jedoch stellt sich etwas zwischen das Hörnchen und seinen Fetisch. Als es seinem weiblichen Pendant begegnet, opfert es fürs häusliche Glück sogar sein Hobby. Denn das hatte man ja immer schon vermutet hinter der von Ice-Age-Erfinder Chris Wedge mit eigener Stimme vertonten Kreatur: Es war nie der Hunger, sondern immer schon der Spieltrieb, der den Nager in Lebensgefahr brachte. In seiner Spielsucht ist Scrat die ideale Ausgeburt des Computerzeitalters, weshalb wir Nerds uns so wunderbar mit ihm identifizieren. Und dieses Laster sollte tatsächlich von einer glücklichen Zweierbeziehung verdrängt werden? Unmöglich, meint auch Regisseur Carlos Saldhana. Allerdings ist es Scrat als einzigem im Ensemble gestattet, aus den vorgegebenen Pfaden dieses Familienfilms auszubrechen. Das Leitmotiv heißt Vaterglück. Dem werdenden Mammut-Vater Manni gehören die liebevollsten Szenen, wenn er sich damit aufhält, einen selbst gebastelten Spielplatz kindersicher zu machen. Hier und da etwas Schnee auf die spitzen Kanten.

Kein Wunder, dass sich sowohl Diego als auch Sid bald überflüssig fühlen. Der Säbelzahntiger, den ohnehin das ausbleibende Jagdglück in die Midlife-Crisis gestürzt hat, droht mit der Rückkehr in die Einsiedelei. Und Sid eignet sich einfach drei fremde Eier an, die er irgendwo findet und bemalt sie mit Gesichtern, die ihm ähnlich sehen. Bis das Unvermeidliche geschieht und kleine Saurier daraus schlüpfen. Und wo kleine Dinos sind, ist auch eine furienhafte Tyrannosaurus-Rex-Mutter nicht weit. Die Geschichte, wenn es denn eine ist, kommt endlich in die Gänge, als Sid von der Saurierdame verschleppt wird und die Freunde sich auf die obligatorische Rettungsmission begeben müssen.

Nein, eine zusätzliche Dimension ist nicht die Filmserie geraten - jedenfalls soweit sich dies anhand einer 2-D-Kopie beurteilen lässt. Es kann den Filmemachern nicht leicht gefallen sein, zwei Episoden lang dem erwartbaren Anachronismus zu trotzen, niedliche Dinos in die spätere Eiszeit zu versetzen - und es nun trotzdem zu tun.

Eine gewisse filmhistorische Bedeutung könnte "Ice Age 3 - Die Dinosaurier sind los" dennoch erlangen als Übergangsfilm ins Zeitalter der digitalen Projektion. In der Schweiz hat ein Kino bereits damit begonnen, sich die Kosten der te chnischen Umstellung nicht nur durch einen erhöhten Eintrittspreis zurückzufordern, sondern auch noch die obligatorischen Brillen für drei Franken zu verkaufen. Der führende 3-D-Lobbyist Jeffrey Katzenberg vom konkurrierenden Dreamworks-Studio ist schon lange davon überzeugt, dass sich 3-D-Brilllen bald zu Life-Style-Produkten entwickeln würden, die man einfach haben müsse. Nun gut, in den 1980er Jahren hatte auch jeder einen von Rubiks Zauberwürfeln. Als Katzenbergs flammender Rede bei einer Amsterdamer Kino-Messe dennoch niemand glauben wollte, besann er sich auf den Eintrittspreis. Fünf Dollar Aufpreis für pro Karte sei durchsetzbar, argumentierte er. Und als er immer noch in skeptische Theaterleiter-Minen blickte, zog er den letzten Trumpf aus der Tasche: "Waren Sie mal bei Starbucks? Da zahlen die Leute fünf Dollar für eine Tasse Kaffee." Tosender Beifall. Endlich hatte man ihn verstanden. Wer sich also heute eine Karte für "Ice Age 3" kauft, sollte vorher den Preisaushang beachten.

Ice Age 3 - Die Dinosaurier sind los,

Regie: Carlos Saldanha, Michael Thurmeier, USA 2009, 94 Minuten.

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