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26. Februar 2016

Im Kino: "Der Kuaför aus der Keupstraße": Eine Chronik des Versagens

 Von 
Kuaför Özcan Yildirim in seinem Friseur-Laden.  Foto: Heike Fischer

Der Dokumentarfilm „Der Kuaför aus der Keupstraße“ ist kein Krimi, vielmehr ein Polizeifilm aus der Wirklichkeit. Und er ist eine Chronik der Beschämung zu den NSU-Ermittlungen.

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Ein Polizeifilm aus der Wirklichkeit, doch ein Krimi ist es nicht. Das Tempo des Dokumentarfilms „Der Kuaför aus der Keupstraße“ gleicht dem der Ermittlungen, und die verlaufen schleppend. Kein Wunder: Sieben Jahre lang ermittelt die Kölner Polizei beim Versuch der Aufklärung des NSU-Anschlags auf einen Friseursalon in der Kalker Keupstraße gegen das Besitzer-Ehepaar. Den immer wieder von den Anwohnern geäußerten Verdacht eines rechtsextremistischen Hintergrunds ignorierten die Beamten. Sieben Jahre lang sahen die Behörden die Täter lieber in der so genannten Türsteherszene oder in einer nicht näher bestimmten „Türkenmafia“, auch wenn sie nichts als ein Phantom bleiben sollte.

Ein Juwelier macht sich verdächtig, weil er sein Auto einmal vor einer Hochzeitsgesellschaft geparkt hat, zu deren Gästen angeblich Mafiosi gehört hätten. Doch der Hauptverdächtige bliebt der Friseur: „Täglich habe ich gehofft, dass man endlich den Täter findet, damit ich endlich in Ruhe gelassen werde“, sagt er vor der Kamera.

Das Fundament von Andreas Maus’ hoch stilisiertem Dokumentarfilm sind Verhörprotokolle und Mitschriften aus dem NSA-Untersuchungsausschuss. Aktenvermerke werden in betont distanziertem Tonfall verlesen. Auch aus den Außenaufnahmen ist die Lebendigkeit getilgt. Mit kurzen Schärfentiefen porträtieren sie die Anwohner würdig, isoliert von einem Leben, das für sie über Jahre einem Alptraum glich.

Die Zeugenaussagen werden mit Schauspielern in einer spärlich möblierten Kulisse nachgestellt. Nicht ganz so minimalistisch wie in den Filmen von Romuald Karmakar, aber deutlich von seinem Stil beeinflusst, der dazu anhält, sich ganz auf den Text zu konzentrieren. Die Schauspieler agieren ohne Expression, und doch geht von den Szenen eine hohe emotionale Wirkung aus. Es ist die Wut, die die Wahrheit hervorrufen kann. Es ballt sich einem die Faust in der Tasche.

In getrennten Räumen vernommen

Sieben Stunden lang wird das Opferpaar noch mehr als ein Jahr nach dem Anschlag in getrennten Räumen vernommen. Es ist die zentrale Szene dieser Kölner Kafkaeske. Viele Fragen zielen darauf ab, Misstrauen zwischen den Eheleuten zu wecken. „War Ihr Mann nicht ein Spieler? Hat er nicht größere Summen verloren?“ – „Schon mal 20 Euro beim Kartenspiel“, antwortet die Frau. „Ich kenne doch unsere Ein- und Ausgaben.“

Gleichzeitig wird der Mann mit angeblichen Aussagen seiner Nachbarn konfrontiert, er habe auch mit anderen Frauen geschlafen. Schließlich droht man ihm mit einer Mitteilung an die Finanzbehörde, weil man sich nicht vorstellen kann, wie er den Kredit für die Ladenübernahme zurückzahlen konnte.

Man mag es nicht für möglich halten. Aber warum eigentlich nicht? Ist Rassismus in der deutschen Polizei etwa unbekannt? Anders ist der Wahn nicht zu erklären, die Opfer des Terroranschlags über Monate observieren zu lassen, ihre Persönlichkeitsrechte mit Füßen zu treten und jeden Gedanken an deutsche Täter für absurd zu erklären.

Untätigkeit kann man ihnen jedenfalls nicht vorwerfen. Nachdem ein verdeckter Ermittler monatelang vergeblich so tut, als wolle er als Geschäftsmann dem Friseur seinen Laden abkaufen, um dabei an Informationen zu gelangen, wird die Sache nicht etwa abgebrochen. Nein, man zieht einen zweiten, türkisch-stämmigen Mann hinzu.

Ein weiteres Element dieses Films sind Rituale der Wiedergutmachung. Der Besuch des Bundespräsidenten, der den Geschäftsleuten der Keupstraße mit warmen Worten seine Anteilnahme für das Erlittene erklärt. Die Behörden indes bleiben stumm. Auch gegenüber dem Dokumentarfilmer verweigern Staatsanwaltschaft und Polizeibehörden jegliche Stellungnahme zu Fehlern und Versäumnissen.

Der Kuaför aus der Keupstraße. Dokumentarfilm, D 2016. Regie: Andreas Maus. 97 Min.

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