Film

15. November 2012

Im Nebel : Der Henker auf meinem Rücken

 Von Hans-Joachim Schlegel
Ohne zu murren, schleppt Sushenko seinen Henker durch das Waldgestrüpp. Foto: Neue Visionen

„Im Nebel“ von Sergej Losnitza konfrontiert Unschuldige und Richter miteinander im von den Nazis besetzten Belorussland.

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„Im Nebel“ von Sergej Losnitza konfrontiert Unschuldige und Richter miteinander im von den Nazis besetzten Belorussland.

Während der nazideutschen Okkupation kam rund ein Viertel der Belorussen um. 692 Dörfer wurden mitsamt ihrer Bevölkerung verbrannt. Ein unvergessenes Trauma, das nach wie vor auch in Filmen präsent ist. Unter dem autoritären Präsidenten Lukaschenko wird es allerdings vor allem patriotisch-heroisch instrumentalisiert. So wie schon zu Sowjetzeiten, als aber Elem Klimov 1985 immerhin nach jahrelangem Behinderungen seinen radikal realistischen Antikriegsfilm „Komm und sieh“ durchsetzen konnte. Einige Jahre zuvor hatte seine Lebensgefährtin Larissa Schepitko bereits einen Goldenen Berlinale-Bären für ihren „Aufstieg“ (alternativer Titel: „Die Erhöhung“; 1977) erhalten, den sie nach einer Partisanennovelle des belorussischen Nobelpreis-Kandidaten Vasyl Bykau gedreht hatte.
Da Bykaus Engagement für ein demokratisches, unabhängiges Belarus ihn zu einem persönlichen Gegner Lukaschenkos machte und ins Exil trieb, war es couragiert, dass der 1964 in Belarus geborene und heute mit ukrainischem Pass in Berlin lebende Sergej Loznitsa in seinem zweiten Spielfilm „Im Nebel“ wieder eine Bykau-Novelle verfilmte. Zumal dieser von Deutschland, Russland, den Niederlanden und Lettland, aber auch von Belarus koproduzierte Film programmatisch antiheroisch und keinesfalls patriotisch ist. Da er ebenso wie schon Loznitsas Spielfilmdebüt „Mein Glück“ im Wettbewerb von Cannes gezeigt wurde und dort den Fipresci-Preis der internationalen Filmkritik erhielt, konnte er jetzt sogar das Minsker „Listapad“-Festival eröffnen.

Ein Film ohne sakrale Überhöhung

„Im Nebel“ ist ein minimalistischer, asketischer Film – ohne jene emotionalen, im Finale sogar sakralen Überhöhungen, mit denen Larissa Schepitko bei der Berlinale 1977 beeindruckte, damals aber auch Fassbinder zum Widerspruch gegen seine Mitjuroren provozierte. Der Mathematiker und Kybernetiker Sergej Loznitsa ist ein kühler Kopf, der sich zunächst als Dokumentarfilmer profilierte und nicht an Gefühlsinvestitionen, sondern an Erkenntniswerten interessiert ist. Sein zweistündiger Film mit nur sieben Schnitten illustriert sein Thema nicht etwa mit Actionszenen, sondern konzentriert sich auf dessen Sinn: den auch die Seelen der Menschen vernichtenden Wahnsinn des Krieges.

Im Film sollen die Partisanen Burov und Vojtik den vermeintlichen Verrat des Gleisarbeiters Sushenya rächen: Der soll Landsleute an die Nazis verpfiffen haben. Burov will Sushenko jedoch nicht vor den Augen seines kleinen Sohns erschießen und lässt ihn sein Grab an einer Stelle ausheben, die im Frühjahr nicht überflutet wird. Sein Zögern kostet ihn fast das Leben: Unmittelbar vor der Hinrichtung trifft ihn die Kugel eines kollaborierenden belorussischen Hilfspolizisten. Ohne zu murren, schleppt Sushenko seinen Henker nun auf seinem Rücken durch das Waldgestrüpp. Die unbeweisbare Wahrheit seiner Unschuld ist ihm wichtiger als die unvermeidliche Liquidation im Partisanenlager. Zum Unverständnis des nur ans eigene Überleben denkenden Partisanen Vojtik nutzt er deshalb auch keine der zahllosen Fluchtmöglichkeiten. Im Finale sind beide Partisanen tot, und über Sushenya braut sich dichter Nebel zusammen, aus dem heraus ein Schuss ertönt. Aus Verzweiflung über die total vernebelte Wahrheit seiner Unschuld scheint sich Sushenya selbst gerichtet zu haben.

Beeindruckende asketisch, präzise Bilder

Der Film beeindruckt durch die asketisch präzisen Bildern des rumänischen Kameramanns Oleg Mutu und Loznitsas konsequent antipathetische Dramaturgie, die voller innerer Spannung ist. Die drei typisierten Akteure sind gerade durch ihre Ausdruckslosigkeit ausdrucksvoll. Auch auf das Herumirren im Wald und auf die immer wieder um die Schuldfrage kreisenden Gespräche kann und sollte man sich einlassen, obwohl das Kino hier ast zur Bühne wird. Metaphorisches kommt ins Bild, wenn Sushenya seinen Liquidator auf seinem Rücken trägt wie Christus sein Kreuz auf dem Weg nach Golgatha. Auch in den Prolog-, Eingangs- und Erinnerungsszenen tauchen Symbole auf: Kurz vor der Hinrichtung von Sushenyas Kameraden steht ein Schaf unter dem Galgen, und als ein SS-Offizier Sushenya zum Verräter machen will, zwitschert ein Vogel in seinem Käfig.
Loznitsas eigentliche Stärke entfaltet sich dort, wo die Fiktion vom Asketismus seiner dokumentarischen Erfahrungen inspiriert ist. In „Blockade“, seiner Kompilation mit Filmmaterialien aus dem von deutschen Truppen eingeschlossenen Leningrad, machte Loznitsa die verborgene emotionale Kraft authentischer Bilder spürbar. Vielleicht sollte man sich diesen Film ergänzend zu „Im Nebel“ anschauen.

Im Nebel (W Tumane) Dtl. /Lettl. 2011. Buch & Regie: Sergei Loznitsa, Kamera: Oleg Mutu, Darsteller: Vladimir Svirskiy, Wladislaw Abaschin, Sergei Kolesow u. a.; 128 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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