Als Steven Spielberg nach einem Sinnbild der modernen Welt suchte, fand er es am Flughafen. Auf seinem „Terminal“ strandet ein osteuropäischer Tourist und entdeckt, dass er nicht der einzige Heimatlose ist: Er sieht Menschen, die sich verloren haben, und wirkt mit seiner hilfsbereiten Art wie eine gütige Insel im Strom hektischer Betriebsamkeit.
Möglicherweise könnte er auch auf dem Pariser Flughafen Orly, dem Schauplatz von Angela Schanelecs neuer Studie menschlicher Beziehungslosigkeit, ein paar rührende Hollywood-Wunder wirken. Aber natürlich kommt so einer wie er nicht an den strengen Einlasskontrollen vorbei.
Angela Schanelec ist nicht nur die rigideste Vertreterin der Berliner Schule, sondern auch die formal brillanteste. Allerdings kann einem ihre beinahe manische Vorliebe für Melancholiker ganz schön auf die Nerven gehen. Obwohl es in „Orly“ von Menschen wimmelt, geraten nur solche ins Bild, die im unpersönlichen Transit zu Hause sind. Der „Trick“, mit dem sie ihre Lieblingsfiguren aus dem Meer der Passanten fischt, ist dafür meisterlich: Sie stellt die Kamera in der Wartehalle des Pariser Flughafens auf und zeigt das rege Kommen und Gehen aus großer Entfernung mit extremer Brennweite. Dadurch wird das Filmbild gestaucht, Menschen, die sich nahe scheinen, sind sich tatsächlich fern, und außerhalb eines schmalen Schärfebereichs verwischen sie zu Schemen.
In einer grandios choreografierten Sequenz demonstriert Schanelec diesen natürlich symbolisch gemeinten Effekt an einem jungen deutschen Touristen. Er hat sich kurz zuvor am Süßigkeitenstand in eine Frau verguckt und folgt ihr nun in der Masse und zugleich deutlich aus dieser herausgehoben. Man sieht, wie er die Fremde allmählich aus den Augen zu verlieren droht. Aber man bangt nicht mit ihm, weil Schanelecs Trübsal blasender Realismus mittlerweile so vorhersehbar ist wie das abgegriffenste Happy End.
Orly, Regie: Angela Schanelec, Deutschland/Frankreich 2010, 83 Minuten.