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Film

06. November 2014

Interview M.A.Littler: „Ich lebe lieber in meiner eigenen Hölle“

 Von 
„Ich bin überhaupt nicht entspannt, sondern ein ziemlicher Kontrollfreak“, sagt M. A. Littler beim Interview in der Kneipe „Gute Stute“ im Frankfurter Gallusviertel.  Foto: Alex Kraus

Regisseur M. A. Littler über Authentizität, Alkohol und deutsche Minderwertigkeitskomplexe. Am 7. November startet seine Werkschau im Frankfurter Filmmuseum.

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Ihre Lebensmaxime ist Writing, Fighting and Film making – starke Worte, Herr Littler!
Filme machen ist für mich kein Job. Es ist ein Gesamtpaket, in dem es keine Trennung zwischen Leben und Arbeit gibt. Daher geht es in meinen Filmen auch immer um den existentiellen Kampf. Um meinen Kampf – und um den meiner Protagonisten. Mich hat schon immer die Frage beschäftigt, wie ich überlebe, ohne meine Arbeitskraft zu verkaufen. Jetzt geht es noch ganz banal darum, wie ich meine Filme finanziert bekomme. Es ist wichtig, nicht zu jammern, sondern es einfach zu machen. Keine Meetings Meetings Meetings – sondern Drehen Drehen Drehen. Das kapieren die wenigsten.

Was heißt das konkret für Ihre Filme?
Primär schreibe ich meine eigene Chronik und die meiner Mitstreiter. Und in meiner Chronik spiele ich die Hauptrolle. Leute, die mit mir in Kontakt getreten sind, haben ihre Episoden. Es ist für mich zwingend, die Menschen in meinen Filmen sehr gut zu kennen. Die Idee zu einem Film fängt immer ähnlich an wie jetzt gerade. Man sitzt zusammen, Flasche Schnaps auf dem Tisch, und unterhält sich über die Themen, die einen am meisten beschäftigen. Das ist die Basis und daher kommt auch die Atmosphäre, die die Leute schwer einschätzen können. Ich würde sagen, sie ist authentisch – wobei mittlerweile ja auch Red Bull authentisch sein will.

Zur Person

M. A. Littler, Jahrgang 1979, ist gebürtiger Frankfurter. Der Regisseur widmet sich in seinen Dokumentarfilmen seiner Leidenschaft für Musik sowie Menschen und Geschichten abseits des Mainstream. Seine Filme produziert er selbst – mit seiner Firma Slowboat Films, die in diesem Jahr 15 Jahre alt wird. Aus diesem Anlass zeigt das Kino des Deutschen Filmmuseums eine Werkschau mit Littler-Filmen.

Die „Slowboat Films Werkschau“ läuft vom 7. („The Kingdom of Survival“, 22.30 Uhr) bis 22. November. www.deutsches-filmmuseum.de

Schnaps beim Drehen?
Trinken ist Teil meines Arbeitens, ich trinke auch beim Drehen. Die Sache ist die, ich bin überhaupt nicht entspannt, sondern ein ziemlicher Kontrollfreak. Und um die Kommunikation zum Laufen zu bringen, und insbesondere um unvorhergesehene Situationen zu provozieren, arbeite ich halt mit dem Rausch. Wir reden jetzt aber nicht von Party machen, sondern von 18 Stunden drehen und dabei trinken. Ich hatte hinterher auch noch nie das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben, ganz im Gegenteil. Für den „Folk Singer“ haben wir mit einem Mörder gedreht, auf die Idee wäre ich nüchtern erst gar nicht gekommen. Ich will das nicht romantisieren, aber es lehnt sich ein bisschen an William Blakes Konzept an, dass man die Pforten der Wahrnehmung manipulieren muss, um sie zu öffnen. Meine Techniker beklagen sich übrigens ständig darüber, dass so viel getrunken wird.

Filme mit Mitstreitern – klingt ja erst mal nach Home-Kino.
Leute wie John Cassavetes sind meine Vorbilder. Der hat gesagt: „Lasst uns Filme machen über die Themen, die uns am meisten beschäftigen. Mit den Leuten, die uns am nächsten stehen.“ Es ist die Auflösung der Distanz zwischen Protagonist und Regisseur. Und somit auch die Auflösung der Trennung von Leben und Arbeit. Ich sehe das als Geschenk, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ihren Brustkorb aufmachen und sagen: „Schau rein!“ Aber sicher sind die Leute keine Profis und können häufig ihre Wirkung nicht einschätzen. Beim „Folk Singer“ zum Beispiel hab ich angefangen zu drehen – und nichts funktionierte. Meine Protagonisten konnten meine Texte nicht richtig vortragen. Ich habe mich so einsam wie nie gefühlt, ihnen schließlich aber ihre eigenen Worte zurückgegeben. Die Struktur blieb, aber Anleiten ging absolut nicht. Seitdem hat sich auch meine Arbeitsmethodik geändert. Jetzt sehe ich Filme machen so wie Jazz, wie sehr freien Jazz – es gibt eine Grobstruktur, ansonsten wird viel improvisiert. Wobei ich als Strukturfanatiker immer einen Plan brauche. Beziehungsweise Plan A, B, C, D und E. Das ist wie in einer Beziehung.

Sie sind halb Südafrikaner, halb Deutscher, in Frankfurt geboren und in Deutschland, Südafrika und Nordamerika aufgewachsen. Welchen Einfluss hat dieser Mix?
Thematisch sind meine Filme universell, aber natürlich bin ich ein Produkt amerikanischer Undergroundkultur. Was in New York an Punk Rock Ende der Siebziger passiert ist, hat mich sehr geprägt. „Kingdom of Survival“ zum Beispiel ist ein antikapitalistischer Western im Sergio-Leone-Style: Alte Welt trifft auf Neue Welt. Die Gedanken kommen von deutschen Philosophen wie Martin Heidegger, die Ästhetik ist amerikanisch, obwohl Leone ja Europäer war. Interessant wird es für mich genau dort, wo zwei Gegensätze aufeinanderprallen und etwas Drittes, Größeres, entsteht. Nicht selten ist das auch der Gegensatz zwischen Schönheit und dem alltäglichen Horror in der Welt.

Ihre Protagonisten sind gesellschaftliche Außenseiter.
Schon in meiner Kindheit in den USA hatte ich viel mit Sonderlingen zu tun. Schrottplatzbesitzern, Vietnamveteranen, Außenseitern eben. Das ist überhaupt meine basale Motivation, Filme zu machen. Hinzu kommt, dass es schon immer ein Horror für mich war, einer herkömmlichen Tätigkeit nachzugehen. Ich habe es mehrfach versucht, aber alle waren sie froh, als ich das Thema ad acta gelegt hatte. Ich kann mich einfach nicht integrieren, und habe mir stattdessen eine Identität kreiert, die meine permanente Sinnsuche erlaubt – und da bin ich nicht der einzige. Die Sinnsuche ist immer Thema für diejenigen, die mit ihrer Kunst überleben wollen. Viele Leute glauben, dass sie alleine sind in ihrem Anderssein; durch meine Filme merken sie, dass sie es nicht sind. Aber natürlich: Je oberflächlicher und materialistischer unsere Welt wird, desto mehr fühlen sich die Leute angezogen von einer Alternative. Und die Alternative im Kino bin ich. Es geht darum, sich loszulösen vom Homo Oekonomikus – lenkt nur ab und verhindert die schönen Dinge und das Erforschen des Unbekannten. Schon Adorno hat gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Das ist ja alles sehr schwarzweiß, gibt es keine Grautöne?
Ich sehe das schwarzweiß. Sobald du aus finanziellen Gründen Dinge tust, die du sonst nicht tun würdest, bist du nicht mehr frei. Ich habe kein Problem damit, kommerziell erfolgreich zu sein, aber ich verändere nicht mein Werk, um mich anzubiedern. Mainstream war auch nie meine Kultur, sondern Bands, die vielleicht 50 Kopien verkauft haben. Die haben den Preis dafür bezahlt, selbst wenn sie in einer Garage gewohnt haben. Das heißt, der unverfälschte Ausdruck ist mir wichtiger als mein eigenes Überleben. Ich lebe lieber in meiner eigenen Hölle als in einer, die mir jemand anderes vorsetzt.

Ganz schön martialisch.
Gerade in Deutschland halten das viele für eine Pose, aber Sie können ja mal meine Mitstreiter fragen. Viele konnten diesen Lebensstil nicht durchziehen. Da ist zu viel Paranoia.

Wie stehen Sie zu Frankfurt?
Ich habe 2002 eine Underground Filmreihe im ehemaligen Space Place gemacht und dachte, da kommen 15 Leute. Es kamen aber 150. Dann kam auch das „Journal Frankfurt“ und der Rest ist eine Achterbahnfahrt, die immer noch weitergeht. Im Ausland war das Interesse stets größer. Erst als sich die Berliner für mich interessierten, meinten sie hier, sie müssten dem Frankfurter Bub auch mal ein bisschen Aufmerksamkeit schenken. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass das eine große Liebesaffäre wird. Es heißt auch immer, ich sei ja eigentlich ein Ami, was natürlich Quatsch ist: Ich war immer wieder hier und bin eh von meiner ganzen Gestik und dem Habitus total deutsch.

Wie sind die Aussichten in Deutschland für Film und Fernsehen?
Wir leben in einer Zeit, in der jeder weiß, dass deutsches Fernsehen fürchterlich ist. Aber niemand sagt: „Komm, wir entwickeln unsere eigene Art von Fernsehen.“ Keiner will was gutes Deutsches machen, ohne dabei den amerikanischen Quatsch zu kopieren. Ich laufe einmal durchs Gallus, und da sehe ich schon Bilder …

Warum ist das so?
Kultureller Minderwertigkeitskomplex, ganz klar. Man darf aber nicht vergessen: Das deutsche Fernsehen war schon weiter. Als Fassbinder „Berlin Alexanderplatz“ gemacht hat, war nicht alles großartig, aber die Richtung stimmte. Jetzt ist alles total bürokratisch, und wenn du einem Redakteur sagst, du hast ne „experimentelle Persönlichkeit“, packt der seine Siebensachen und rennt davon. Die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen für die Sache, ist hier nicht ausgeprägt. Ich habe zum Beispiel einmal eine Episode für „SOKO Wien“ geschrieben und die wollten die Gage von 5000 Euro nicht bezahlen, weil sie gesagt haben, das kann man nicht zeigen im deutschen Fernsehen. Aber alle schreien sie nach „Breaking Bad“. Es gibt da draußen genug Filmemacher, die richtig gut sind, das Problem ist nur diese Senderabhängigkeit. Daher muss man sie zur Unabhängigkeit erziehen, das machst du als Mutter ja auch. Alle müssen sie ihre Angst ablegen, dann werden wir auch gutes Fernsehen bekommen. An der Entwicklung würde ich gerne teilhaben und Alternativen anbieten. In den nächsten 15 Jahren gehe ich das an.

Für „The Kingdom of Survival“ haben Sie Noam Chomsky gewinnen können. Was haben Sie dem bezahlt?
Ein neues Paar Klettverschlussschuhe. Noam Chomsky trägt immer Klettverschlüsse. Der hat keine Zeit zum Schnürsenkel binden – bei den ganzen Problemen auf dieser Welt.

Interview: Katja Thorwarth

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