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Film

25. November 2010

Isabelle Huppert in "Villa Amalia": Einfach nur weg

 Von Daniel Kothenschulte
Die Unmöglichkeit zu verschwinden: Isabelle Huppert in "Villa Amalia".  Foto: Peripher Film

Wie verschwindet man, wenn man nicht gleich sterben will? Ein einziger gebrochener Akkord in der bemerkenswerten Filmmusik von Bruno Coulais reicht aus, um uns mit der großartigen Isabelle Huppert erschauern zu lassen: „Villa Amalia“ ein Filmgedicht zwischen Oper und Kino.

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Man kann darüber streiten, welche Kunstform die schöneren, pathetischen Schlüsse zelebriert – das Kino oder die Oper. Der französische Regisseur Benoît Jacquot ist in beiden Bereichen zu Hause, und so mag es ihn gereizt haben mit Pascal Quignards Roman „Villa Amalia“ einen Stoff zu inszenieren, der einen Schlussstrich an den nächsten setzt. Nur wovon sich die Protagonistin, eine gefeierte Pianistin und Komponistin, so radikal verabschiedet, bleibt die meiste Zeit im Dunkeln. Schon ihren beziehungsvollen Künstlernamen trägt die von Isabelle Huppert gespielte Filmfigur wie ein Schneckenhaus, sie nennt sich „Ann Hidden“. Doch wie verschwindet man tatsächlich, wenn man nicht gleich sterben will?

Schon die erste Szene, die sie bei der Wohnungssuche zeigt, wirft sie weit in die Vergangenheit zurück, der sie entfliehen möchte. Der Verkäufer gibt sich zu erkennen als ein alter, fast vergessener Freund. Die Art, wie uns Jacquot seine Heldin bereits am Filmanfang interessant erscheinen lässt, wo wir doch noch gar nichts von ihr wissen, hat tatsächlich etwas Opernhaftes. Ein einziger gebrochener Akkord in der bemerkenswerten Filmmusik von Bruno Coulais reicht aus, mit ihr zu erschauern: Ein vergessenes Gefühl fällt auf diese Frau herab und wärmt sie für einen Moment wie eine alte Decke. Auch davon muss sie sich schnell wieder befreien.

Es ist der erste Schlussakkord, viele weitere folgen. Bei dem Konzert einer Eigenkomposition überlässt sie das Publikum völlig unvermittelt sich selbst. So einfach aber schleicht man sich in diesem Betrieb, aus diesem Leben, nicht davon. Eine Tournee, eine Plattenaufnahme müssen abgesagt werden, eine Wohnung unter Wert verkauft. „Es ist nicht leicht, heutzutage zu verschwinden“, weiht sie ihren alten Freund in ihre Pläne ein. „Wenn man nach New York fliegt, erhält die Regierung eine Passagierliste. Und sie können einen per Handy orten.“ Also lieber kein Exil in den Staaten. Über Deutschland, Belgien und die Schweiz kommt sie schließlich in einer neapolitanischen Villa unter. Und gibt über Gespräche mit zufälligen Bekanntschaften auch dem Zuschauer einige Hinweise auf die Gründe ihrer Flucht, die bis weit in ihre Kindheit reichen.

Ein unbekanntes Morgen

Viele Filme gibt es, die dort enden, wo dieser hier beginnt: Mit Bildern von Frauen, die selbstbewusst in ein unbekanntes Morgen schreiten. Einer der schönsten, Michael Powells und Emeric Pressburgers romantisches Drama „I Know Where I am Going“, trug diese Aufbruchsutopie bereits in seinem Titel. Trotz seiner rätselhaften Atmosphäre einer unaufgeklärten Tragik schwelgt „Villa Amalia“ in den Glücksmomenten kleiner Fluchten: Etwa wenn die noch mit 56 Jahren jugendliche Isabelle Huppert an einer Bar verstohlen einen Kaffee genießt und versunken lächelnd ein hartgekochtes Ei abpellt. Mit einer anderen Schauspielerin wäre diese Szene vielleicht nur eine Leerstelle in der Handlung gewesen. Aber niemanden liebte die Filmkamera in den letzten drei Jahrzehnten so dauerhaft wie Isabelle Huppert. Wer sonst hielte einen Film in Spannung, in dem augenscheinlich nichts passiert?

Worte spielen eine untergeordnete Rolle in diesem schwerelosen Film, das entscheidende Kommunikationsmittel ist die Musik. Sie ist ernst, aber nicht pathetisch. Obwohl Bruno Coulais schon fast 150 Soundtracks komponierte, zuletzt für den fantastischen Animationsfilm „Coraline“, widersteht er der Routine. Überaus diskret gibt er eine Ahnung davon, was diese fiktive Künstlerin in ihrem musikalischen Gedächtnis angesammelt haben mag und wie sich klassische und Neue Musik dort treffen.

Zunächst scheint es, als kehre Huppert in die Rolle ihrer „Pianistin“ aus Hanekes Jelinek-Verfilmung zurück, doch hier herrschen eine andere Rätselhaftigkeit und auch eine dezentere Poesie. Die wenigen Gefühlsäußerungen der Hauptfigur dringen durch die Resonanzböden ihrer Klaviere, die sie eines nach dem anderen verkauft. Noch immer sieht man sie komponieren, doch Jacquot verrätselt auch diese Augenblicke, denn was sie da notiert, ist tatsächlich Barock-Musik. Dann wieder sieht man sie ihre Schallplatten verbrennen, als ließe sich die Kunst im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit so einfach aus der Welt schaffen. Aber genau darum geht es in diesem betörend stillen Film: Dass auch der Mensch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit angekommen ist, noch nicht vielleicht genetisch aber doch zumindest in seinen digitalen Hinterlassenschaften.

Über anderthalb Stunden bleibt das Publikum im Ungewissen, wie weit die Protagonistin ihr Verschwinden treiben wird. Gerade das aber macht ihre Flucht so offen für Interpretationen und dieses filmische Kunstwerk so beziehungsreich. Schließlich gibt es in unserer Gegenwart genug, wovor man fliehen müsste. Man muss die Gründe Ann Hiddens nicht kennen, und ist doch ganz mit ihr.

Villa Amalia, Regie: Benoît Jacquot, Frankreich 2009, 94 Minuten.

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