Siebzig Mal wurde Charles Dickens´"Weihnachtsgeschichte" bereits verfilmt, und Robert Zemeckis´Version ist nicht die erste, die sich dabei auch die originalen Illustrationen von John Leech von 1843 zum Vorbild nimmt. Und doch ist es ein merkwürdiger und befremdlicher Moment, wenn zu Beginn aus der Fläche der Umrisszeichnung ins erste bewegte Filmbild geblendet wird. Man kann darüber erschrecken, wie wenig das Medium der 3D-Animation noch mit dem der Zeichnung gemeinsam hat. Obwohl es doch gegenwärtig die Nachfolge des Zeichentrickfilms angetreten hat.
Wenn diese neue Filmform überhaupt eine Ahnin in der Kunstgeschichte hat, dann ist das die Bildhauerei; aber das Verfahren, das hier verwendet wird, entspricht eher einem Abguss vom lebenden Menschen als einem mit freier Hand geschaffenen Werk. Und diesen Abgüssen, man kennt es von den lebensechten Kunststoff-Skulpturen des Künstlers Duane Hanson, haftet immer auch ein Eindruck des Leblosen und unechten an.
Vielleicht um diese Wirkung zu zerstreuen, hat man sich als lebendes Modell den wohl agilsten Hollywoodschauspieler überhaupt ausgesucht, den Komiker Jim Carrey. Es gibt keine Szene, in der er nicht zu sehen ist: Er spielt gleichzeitig den unerbittlichen Geizkragen Ebenezer Scrooge wie seine drei Peiniger, die Weihnachtsgeister, die ihm am Heiligen Abend erscheinen und in finsteren Bildern die Konsequenzen seiner Habsucht ausmalen.
"Eine Weihnachtsgeschichte", Trailer. USA 2009
Seit den Tagen von Jerry Lewis und Peter Sellers hat es keinen Filmstar mehr gegeben, der wie Carrey die Muskeln seines Gesichts einsetzen kann wie ein Karikaturist seinen Zeichenstift. Es ist also nicht die CGI-Animation, sondern der Schauspieler Jim Carrey, der den überzeichnenden Realismus von Dickens und seinem Karikaturisten John Leech in unsere Zeit überführt.
Robert Zemeckis´ Film ist auf eine ausgesprochen zwiespältige Art großartig, die an Walt Disney selbst erinnert. Einerseits ist da eine Liebe zum Biedermeier und der technischen Illusion, die heute ausgesprochen altbacken wirkt. Nach dem Vorbild von Disneys "Pinocchio" taucht die Kamera - und man muss das unbedingt in einem 3D-Kino sehen - in eine Zuckerbäckerstadt ein, die nicht das Mindeste mit dem London von Dickens zu tun hat. Die Kamera fliegt dabei derart haarscharf um Schornsteine und durch schmale Öffnungen, als hätte Mary Poppins sie persönlich geführt.
Dann aber gibt es in diesem Film auch einen erstaunlichen Sinn für märchenhaften Horror, wie er nur mit einem weiteren unvergesslichen Disney-Moment zu vergleichen ist, der Flucht von "Schneewittchen" durch den finsteren Wald.
Schon das erste Bild zeigt einen Toten, Scrooges ehemaligen Geschäftspartner Marley, dem dieser schnell die Pennys stibitzt, die man ihm auf die gebrochenen Augen gelegt hat. Dies ist auch die letzte Gelegenheit, versehentlich mitgebrachte Kinder aus dem Kino zu entfernen (die FSK-Freigabe liegt sehr angemessen bei 12). Zemeckis Bildsprache ist so direkt wie Dickens´ berühmte Worte: "Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel".
Die dritte Episode, in welcher der "Geist der künftigen Weihnacht" den Alten auf sein eigenes Ende anstimmt, gehört dann zum Unheimlichsten, was sich im Kino erleben lässt. Inspiriert von den weiten Bildräumen der Surrealisten, durchdringt der Zuschauer immer abgründigere Ebenen. Das Bewusste und Unbewusste in der Wahrnehmung des Gepeinigten vermischt sich in einem grimmigen Bilderrausch, der die expressionistische Horror-Filmtradition fortschreibt. Noch nie ist im 3D-Film etwas vergleichbares geschaffen worden, man muss diese meisterlichen zwanzig Minuten gesehen haben, und das geschmäcklerische Drumherum lässt sich gut dafür ertragen.
Wie bei seinem weit schwächeren früheren 3D-Animationsfilm "Der Polarexpress" hängt Zemeckis an den leuchtend-warmen Farben von Christbaumfiguren, doch wenn es um die Härten des Dickens´schen Textes geht, zieht er sehr geschickt den Stecker. Dann wird es finster im Kino, und man versteht genau, warum der große Autor schon in der Unterzeile des Titels eine unmissverständliche Warnung unterbrachte: "A Ghost Story of Christmas".
Eine Weihnachtsgeschichte, Regie und Buch: Robert Zemeckis, USA 2009, 96 Minuten.