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Johnny Depp in "Public Enemies": Neben der Zeit

Johnny Depp als Gangster John Dillinger. Der Film erfüllt nicht die Erwartungen an einen Hochglanz-Look, weite Teile in schmutzigem Video gedreht. Das hat es noch nicht gegeben. Von Daniel Kothenschulte ( mit Video)

Johnny Depp als John Dillinger (M.) in dem Thriller Public Enemies! von Michael Mann.
Johnny Depp als John Dillinger (M.) in dem Thriller "Public Enemies!" von Michael Mann.
Foto: ddp

Als der Schriftsteller Vladimir Nabokov bei einer Hollywoodparty einen ihm unbekannten Prominenten kennenlernte, fragte er ihn höflich, was er denn tue. Bescheiden antwortete dieser: "Ich heiße John Wayne. Ich bin beim Film." Solches Understatement war einmal eine amerikanische Tugend.

Und so wundert es nicht, dass sich auch der gesuchteste Gangster der Depressionszeit bescheiden vorgestellt haben soll; es war wohl seine einzige Tugend. "Ich heiße John Dillinger", sagte er dann, "ich raube Banken aus." Worte wie im Kino, und seit 1945 hat man sich in Hollywood immer wieder an Darstellungen seiner mit sichtlichem Stilwillen verübten Missetaten versucht. Immerhin war er zu nobel, in den Banken auch noch die anwesenden Kunden zu bestehlen. Am schillerndsten und auch brutalsten spielte ihn bislang Warren Oates im Film von John Milius, einem Schlüsselwerk des Neuen Hollywood: "Dillinger".

Der Film

Public Enemies, Regie: Michael Mann, USA 2009, 140 Minuten.

Dies ist nicht ganz der Dillinger, den Michael Mann über eine Laufzeit von zweieinhalb Stunden porträtiert. Hatte Milius 1973 den mordenden Gangster zum Rebellen stilisiert, sieht Mann in ihm den ersten Mediengangster. Er zeigt einen Kriminellen, der mit Journalisten herumalbert und die 13 Monate seines Wirkens wie einen Krimi inszeniert - so lange dauerte es, bis er nach spektakulärem Gefängnisausbruch durch eine Polizeikugel niedergestreckt wurde.

Public Enemies, Trailer. USA 2009

Eine Nebenhandlung konzentriert sich auf die seltsam asexuelle Liebesbeziehung zu einer Frau namens Billie (Marion Cotillard). In Momenten der Privatheit wirkt Dillinger unbeholfen wie ein Filmstar, der nicht weiter weiß, wenn der Sex beginnen müsste. Dass man ihm auch in diesem Film mit einer gewissen Sympathie begegnet, ist unvermeidlich. Erstens ist Leinwand-Charme beim historischen Dillin- ger verbürgt. Zweitens spielt ihn der wunderbare Johnny Depp - mit Pomade und Gable-Bärtchen.

"Public Enemies" erzählt diese Karriere in der unsentimentalen Weise, wie man sie auch für eine Erfolgsgeschichte in den höheren Banketagen wählen würde. Es ist noch ein Gangsterfilm, aber so wie auch Oliver Stones "Wall Street" einer war. So akkurat die Kulissen im Stil der frühen 30er nachempfunden wurden, so reich die Komparserie - so wenig bedienen Mann und sein Kameramann Dante Spinotti doch die Erwartungen an einen Hochglanz-Look. Sie drehten weite Teile ihrer Hundert-Millionen-Dollar-Produktion in schmutzigem Video. Das hat es noch nicht gegeben.

Da ist also ein Filmemacher, der in "Der letzte Mohikaner" oder "Heat" einen einzigartigen Filmstil von stimmungsvollem Hyperrealismus prägte. Der Szenen glasklar aufnehmen ließ und zugleich durch Farbfilter verfremdete. Nun wirft er diese Meisterschaft beiseite - und doch bleibt "Public Enemies" unzweifelhaft ein Film von Michael Mann.

Noch immer ist da diese ungeheure Musikalität in der Montage, doch es gibt keine Sequenzen mehr, die rein auf die Musik geschnitten sind und wie Videoclips die Filmhandlung unterbrechen. In Erinnerung bleiben die Kabinettstückchen trotzdem: Etwa die Passage, in der Dillinger ins Polizeipräsidium schlendert und der ihm gewidmeten Spezialabteilung unerkannt einen Besuch abstattet. Mann macht sich das besondere Zeitgefühl eines Gangsters zu eigen, der vor allem ein Traumtänzer war. Eines Gejagten, der sich für den Drahtzieher seines Schicksals hält. So ist dies ein rasanter Film über eine schnelllebige Zeit, die gleichwohl "neben der Zeit" porträtiert wird.

Mann verwandelt sein Thema auch ohne Kameraglanz in eine Stilübung reinen Kinos. Depp übernimmt sogar den Sprachduktus der historischen Figur. Die Synchronfassung macht dies zunichte. Zudem ignoriert sie die Sorgfalt im Dialog, wenn das FBI umständlich "Büro für Ermittlungen" genannt wird, Meilen nicht in Kilometer übersetzt werden. Bislang erhielten Blockbuster noch aufwändigere Synchronfassungen, darauf kann man sich anscheinend nicht mehr verlassen.

Dabei ist eines sicher: Anders als John Dillinger bitten Kinos auch die Normalbürger zur Kasse.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  5 | 8 | 2009
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