Julie Delpy, die mit "Die Gräfin" die zweite Regiearbeit vorlegt, für die sie das Drehbuch verfilmt und zugleich die Hauptrolle übernommen hat, hat sich in anderen Filmen als fabelhafte Schauspielerin bewiesen. Und das Interview, das der renommierte deutsche X-Verleih mit ihr geführt hat, bezeugt, dass sie sich mit dem Mythos der ungarischen "Blutgräfin" Erzébet Báthory ebenso auseinandergesetzt hat wie mit den historischen Prozessakten gegen die adelige Mörderin.
1560 geboren, 1614 in Einzelhaft verstorben, war die Báthory, wie unzählige, immer blutiger sprudelnde Quellen beweisen, männlichen Zeitgenossen nicht nur durch zahllose Morde unheimlich, sondern auch durch ihre Intelligenz, Schönheit und den großen Reichtum ihrer uralten Familie, den sie nach dem Tod ihres Mannes wehrhaft mehrte.
John Hurt spielt den 60-jährigen Grafen Thurzo, der die 39-jährige Witwe und dreifache Mutter heiraten will, um (sich) ihr Erbe zu sichern. Daniel Brühl gibt Thurzos unstandesgemäß empfindsamen Sohn Istvan, der sich in die ältere Gräfin verliebt. Eine Intrige des zurückgewiesenen Grafen trennt die Liebenden. Elisabeth verkümmert. Ihr Alter, glaubt sie, habe István vertrieben.
Die Gräfin, Trailer Deutschland/Frankreich 2009
Ein Zufall weist ihr den Irrweg: Jungfräuliche Mädchen müssen für sie (aus)bluten, um ihren Teint zu verbessern. Große Namen, große Versprechen von filmischer und psychischer Komplexität. Große Enttäuschung. Die feministische Sicht auf die von zeitlos mörderischen Schönheitsidealen und erbschleicherischen Frauenhassern besiegte "Heroine des Grauens" ist redlich, doch allein durch weibliche Solidarität lässt sich Blut nicht in die Milch der aufgeklärten Denkungsart verwandeln.
Die Dämonisierung durch Legenden, die Männerängste und Männerlüste widerspiegeln, wird aufgehoben, lediglich um einen neuen Mythos zu installieren: Den von der schuldlos schuldigen Blutendverbraucherin. Weder versteht man, warum die selbstbeherrschte Erzébet sich von einem Fremden, den sie verachtet, ruckzuck auf die dunkle Seite des sexuellen Begehrens locken lässt, noch wo die Lust am Zuschlagen überhaupt herkommt: Den historisch überlieferten Sado-Maso-Anteil der als folterfreudig beschriebenen Edeldame hat Julie Delpy vorsichtshalber gestrichen. Ihre Gräfin ist zu schön, um zu wahr sein. Das Töten gegen Altersflecke übernimmt die Dienerschaft.
Die Gräfin, Regie: Julie Delpy, Deutschland/Frankreich 2009, 94 Minuten.