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Film

11. Dezember 2008

Katastrophenfilm: Die letzte Landplage

 Von DANIEL KOTHENSCHULTE
Keanu Reeves macht ein ernstes Gesicht. Besser wäre, er wäre ein kompromissloser Außerirdischer.  Foto: ap

Unfreudiges Wiedersehen: Das stillose Remake von "Der Tag, an dem die Erde stillstand". Von Daniel Kothenschulte Mit Video

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Es gibt wenige Filme, die so unvergesslich sind wie "Der Tag, an dem die Erde stillstand" von 1951. Und leider doch sehr viele, die man so leicht vergessen kann wie sein Remake von 2008. Seit Wochen schon wirbt Keanu Reeves dafür mit ernstem Gesicht von den Litfaßsäulen, doch erst vor ein paar Tagen wurde der aufwändige Blockbuster, der heute weltweit startet, der Presse vorgeführt.

Vorfreude weckt so etwas nicht, denn prächtige Katzen behält wohl niemand lange Zeit im Sack. Wer aber hätte gedacht, dass sich eine unfehlbare Geschichte wie die vom Außerirdischen, der die Menschheit mit freundlicher Bestimmtheit zum Besseren erzieht, so leicht verderben ließe?

Wer nicht gleich das Weite sucht, kommt immerhin zum Nachdenken: Warum nur lässt man sich immer wieder Liebgewonnenes ein zweites Mal verkaufen? Sicher, mit den nachgesungenen Abba-Hits in "Mamma Mia" ging das noch recht gut. Aber wie war das noch vor ein paar Jahren, als Steven Soderbergh einen Hollywoodfilm aus Tarkowskijs "Solaris" machte? Wollte man damals nicht nie wieder solchem Schwindel aufsitzen? Und doch sitzt man jetzt wieder hier, weil man sich eben wünscht, dass jede Generation ihr eigenes "Solaris", ihren eigenen "Tag, an dem die Erde stillstand" bekomme.

Zu Beginn des Kalten Krieges, der Kommunistenjäger McCarthy stand noch in den Startlöchern, gelang Robert Wise mit seinem Original das Unerhörte: Er drehte einen kompromisslos pazifistischen Film und erreichte im ängstlichen Amerika ein Millionenpublikum. Es war nicht nur die Geburtsstunde des philosophischen Science-Fiction-Films. Mitten in Washington landet ein Ufo, dem eine prophetische Figur entsteigt: Der Schauspieler Michael Rennie, später zweimal als Petrus besetzt, erweckt schon mit seinem Gastgeschenk Misstrauen, wird angeschossen und flieht aus dem Krankenhaus.

Nur ein kleiner Junge und ein Professor, der die Züge Albert Einsteins trägt, schenken ihm Vertrauen. Seine Botschaft: Wenn sich die Menschheit nicht davon abhalten lässt, weiter an Atomraketen zu basteln, schlägt bald ihr letztes Stündlein. Zur Bekräftigung seiner Autorität bewirkt der Fremdling dann ein Wunder von biblischen Dimensionen. Das Klügste am Film von damals aber war noch nicht einmal seine weitsichtige Einschätzung der Weltlage. Es war das Geschick, neben erwachsenen Zuschauern auch Kinder anzusprechen. Fünfzehn Jahre später dann wurden aus ihnen Blumenkinder.

Und heute? Der Mann aus dem All, wie ihn ein roboterhaft agierender Keanu Reeves verkörpert, ist kein Prophet mehr, sondern ein langweiliger Öko-Apostel. Nicht um den Frieden, sondern um den Umweltschutz geht es ihm angeblich. Die Erde sei zu schade für die Menschen, findet er und droht mit Säuberung.

Pädagogisch ist das nicht. Zumal er die Menschheit nicht erst über ein christliches Wunder staunen lässt, sondern ihr gleich eine alttestamentarische Plage an den Hals schickt: Gefräßige Insektenschwärme zermalmen binnen Sekunden ein Sportstadion und einen LKW. Befohlen hat das allein der Markt: Kein Science-Fiction-, sondern ein Katastrophenfilm musste her, doch im Original gab es gar keine Katastrophe. Es gab nur den "Tag, an dem die Erde stillstand". Da sie dieses aber erst jüngst im Blockbuster "Hancock" getan hat, steht hier nun nichts mehr still.

Die Tugenden ökonomischer Erzählweise - der gelernte Cutter Robert Wise verschenkte keine Einstellung - scheinen heute vergessen. Vor allem aber fehlt jeder rebellische Geist. So widerstandslos wie sich im Film die von Jennifer Connolly gespielte Wissenschaftlerin zu Geheimdienst-Zwecken rekrutieren lässt, arrangiert sich Regisseur Scott Derrickson mit der politisch kastrierten Geschichte. Wenn denn wenigstens der dogmatische Außerirdische bei seiner schlechten Meinung über die Erdlinge bliebe, das hätte vielleicht noch Stil. Doch nicht einmal soviel Radikalität erlaubt sich dieser allzu kompromissbereite Film, der zu guter Letzt noch findet, was das Original so klug vermieden hat: eine schmalzige Note.

Der Tag, an dem die Erde stillstand, Regie: Scott Derrickson, USA 2008, 102 Minuten.

Der Tag, an dem die Erde stillstand, Regie: Robert Wise, USA 1951, 92 Min. Auf DVD bei Fox, ca. 7 Euro.

"Der Tag, an dem die Erde stillstand"

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