Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Film

04. Dezember 2012

Keira Knightley in "Anna Karenina": Oh, schöne Leidenschaft!

 Von Anke Westphal
Will alles: Anna Karenina (Keira Knightley). Foto: dapd

Keira Knightley spielt die Anna Karenina in dem neuen Film von Joe Wright. Neben der schönen Hauptdarstellerin in ebenfalls schönen Roben sehen wir denn auch allerlei zufriedenes Volk in zünftigen Russenkitteln vor Heuschobern und sind verdutzt: Für wie naiv hält Wright seine Zuschauer?

Drucken per Mail

Eine Frau verlässt ihren Mann, um mit ihrem Liebhaber ein neues Leben zu beginnen. Das ist eine Geschichte, die heute niemanden mehr groß aufregt – die unmittelbar Betroffenen natürlich ausgenommen. Schließlich leben wir in einer Welt, die keine Skandale mehr kennt. Ein Geheimdienstchef, dessen Affäre öffentlich wird, muss vielleicht zurücktreten, um den Schein der Staatsräson zu wahren, aber seine Geliebte und er machen sich keineswegs gesellschaftlich unmöglich. Ein neuer Job, ein neues Haus, vielleicht eine neue Ehe; das Leben geht in jedem Fall weiter.

Ja, das zwischenzeitliche Durcheinander kann sogar das Ansehen fördern. Immerhin sind die Betreffenden einfach dadurch, dass sie sich ausgelebt haben, sogar zu Frontfiguren jenes radikalen Erneuerungszwangs geworden, der unsere Gegenwart prägt. In früheren Zeiten, als Begriffe wie Ehre und Stand, Regeln und Grenzen noch eine sozial regulierende Bedeutung hatten, war das natürlich anders. Ein Roman wie Leo Tolstois „Anna Karenina“ etwa ging die Gesellschaft ursächlich an, stellte er doch einen Menschen in den Mittelpunkt der Erzählung, der die gesellschaftlichen Regeln grundsätzlich verletzte. Und dann war dieser Mensch auch noch eine Frau!

Repräsentativ und kaum Rechte

Anna Karenina, Ende zwanzig und Mutter eines kleinen Sohns, den sie über alles liebt, verlässt ihren Ehemann, den russischen Minister Karenin, um mit ihrem Liebhaber, dem noch recht jungen Offizier Wronskij, zu leben. Und da der 1877/78 veröffentlichte Roman auch Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, in einer Zeit also, in der Frauen aus besseren Kreisen vor allem zu repräsentieren, aber kaum Rechte hatten, bedeutet das Folgendes für Anna: Sie wirft die alte Abhängigkeit von sich, nur um in eine neue, für sie fatalere, denn gesellschaftlich nicht akzeptierte zu geraten. Eine Affäre – nun gut, die haben viele hochgestellte Damen. Aber deswegen die Prinzipien verletzen? Für ihre Herzenswahl muss Anna einen sehr hohen Preis entrichten: Sie wird geächtet, und natürlich wird ihr das Kind genommen. Am Ende bezahlt sie mit ihrem Leben.

So brisant, so romantisch wie tragisch aufgeladen ist dieser Stoff, dass mehr als ein Dutzend Kinofilmversionen davon gedreht wurden. Für Schauspielerinnen ist die Karenina zunächst eine große Rolle, fast eine Lebensrolle. Greta Garbo spielte sie gleich zwei Mal, 1927 in einem Stummfilm und 1935 in einem Tonfilm. Auch Vivien Leigh, Claire Bloom und Tatjana Samoilowa haben diese Frau verkörpert; Sophie Marceau hat sich an der Rolle verhoben. Und es gibt sogar ein Ballett nach Tolstois Roman, in dem die große Maja Plissezkaja die Anna tanzte, zur Musik ihres Ehemanns, des Komponisten Rodion Schtschedrin.

Nun hat sich der Brite Joe Wright des Buchs angenommen, Keira Knightley ist in der Titelrolle zu sehen. Und die Frage ist, was uns diese Anna Karenina heute zu sagen hat. Kann man sie so einfach zur modernen Heldin erklären? Dafür spräche, dass diese Frau einfach alles will: tollen Sex, ewige, hingebungsvolle Liebe und ein aufregendes Leben, aber eben auch gesellschaftliche Akzeptanz und dann natürlich noch ihr Kind. Dass Anna mit diesen Ansprüchen scheitern muss, weckt unser Mitleid. Selbst Leo Tolstoi, der das Verhalten der Karenina doch eigentlich verurteilte, soll sich beim Schreiben des Romans in seine Heldin verliebt haben.

Wright rettet sich in die Verkunstung

Dass sich eine solche Heldin, die sogar den Gefühlshaushalt ihres Schöpfers bestimmt, auch heute nicht so einfach handhaben lässt, zeigt die aktuelle Verfilmung. Joe Wright rettet sich vor der Zumutung, die Figur neu zu interpretieren, ganz in die Verkunstung. Seine Version von „Anna Karenina“ ist überaus stark stilisiert. Mehr als die Hälfte des Films hat der Erfolgsregisseur anderer Literaturverfilmungen („Abbitte“, „Stolz und Vorurteil“) in einem Theaterinszeniert, das mal als Salon oder Ballsaal, mal als Opernhaus oder Rennbahn dient. Wright hat also die Handlungsorte des Romans in einem Meta-Ort zusammengefasst, dessen Beschaffenheit – samt Schnürboden und Kulissen – offen ausgestellt wird. Dazu passen die vom Tanztheater inspirierte starke Rhythmisierung der Bewegungsabläufe und die Kreisfahrten der Kamera, die schon mal denen bei Max Ophüls’ „Lola Montez“ ähneln.

Die Welt der Anna Karenina ist bei Joe Wright also im Wortsinn eine Bühne, auf der die Hauptfiguren nun in vorgezeichneten Choreografien als Repräsentanten ihrer gehobenen gesellschaftlichen Position agieren. Und so müssen auch alle einmal von ihnen getroffenen Entscheidungen öffentlich werden. Erst wenn sich die Handlung den sogenannten einfachen Leuten, meist Bauern, und dem bescheidenen Landbesitzer Lewin zuwendet, sucht Wrights Inszenierung die Natur, das Offene der Landschaft – und will darin wohl Tolstois Idealisierung des schlichten, tätigen Lebens und der ehrlichen Hände Arbeit folgen. So sehen wir denn auch allerlei zufriedenes Volk in zünftigen Russenkitteln vor Heuschobern und sind verdutzt: Für wie naiv hält Joe Wright, der immerhin gut hundert Jahre nach Tolstoi dessen Stoff aufgreift, seine Zuschauer?

Aber das alles ist immerhin sehr schön anzusehen. Zum dritten Mal arbeitet Wright hier mit Keira Knightley als Hauptdarstellerin. Sie ist eine der schönsten Schauspielerinnen der Gegenwart, aber ihre Schönheit wird einem in diesem Film sogar fast zu viel, wenn sie in immer neuen aufwendigen Abendroben, zarten Spitzenschleiern, funkelnden Ohrgehängen und pelzbesetzten Mänteln auftritt, die dunklen Augen voller Leidenschaft geweitet, wenn sie die üppigen Interieurs der vornehmen Kreise jener Ära belebt. Kaum eine Epoche bietet dem Kino so viele Schauwerte wie die Belle Époque, das Rokoko vielleicht ausgenommen. Joe Wrights nutzt sie ebenso ausgiebig wie die Schönheit von Keira Knightley. Schönheit um der Schönheit willen – das ist wohl die Essenz dieses Films.

Anna Karenina GB 2012. Regie: Joe Wright, Drehbuch: Tom Stoppard, nach dem Roman von Leo Tolstoi; Kamera: Seamus McGarvey; Darsteller: Keira Knightley, Jude Law, Aaron Johnson, Kelly Macdonald, Matthew Macfadyen, Domhnall Gleeson, Ruth Wilson, Saoirse Ronan, Olivia Williams u.a.; 130 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

Jetzt kommentieren

Oscar 2014
Kino: Neustarts
Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:
TV-Kritik
Filmtipps
Medien