Film

24. Dezember 2008

Kidman und Jackman in "Australia": Western von gestern

 Von DANIEL KOTHENSCHULTE
Nicole Kidman auf ihrem Farmland , das sich der klassische Knilch King Carney zu gerne unter den Nagel reißen würde. Foto: fox

Das Melodram "Australia" bewegt sich zwischen Hollywood-Pomp und Ethno-Kitsch. Von Daniel Kothenschulte

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Kann man sich heute noch für den Hollywoodklassiker "Vom Winde verweht" begeistern, ohne in Erklärungsnöte zu geraten? Unsterblich das Duo Clark Gable und Vivien Leigh in den Hauptrollen, unwiederbringlich der verschwenderische Glanz der Ausstattung. Nie leuchtete das Technicolor-Rot glühender als hinter den Köpfen des ungleichen Liebespaars beim Brand von Atlanta. Alles, was mit dem alten Hollywood für immer unterging, jene Mischung aus Übertreibung und Feinfühligkeit - in F. Scott Fitzgeralds Dialogen -, ist in diesem Film verewigt.

Aber leider auch ein Wurm, der mit den Jahren immer bitterer schmeckt. Die herablassende Darstellung der schwarzen Bevölkerung lässt sich auch mit dem zeitlichen Abstand von sieben Jahrzehnten nicht leugnen. Denn schon 1939 gab es Menschen mit liberaleren Ansichten, als sie "Vom Winde verweht" zur Schau stellt.

Baz Luhrmann, dessen frühes Meisterwerk "Strictly Ballroom" Glanz und Hintersinn des Musicalfilms wunderbar erfasste und der mit seiner "Romeo und Julia"-Version moderner war als MTV, hielt mit der Absicht nicht hinter dem Berg, ein australisches "Vom Winde verweht" zu erschaffen. Wenn jemand das nötige Talent und mehr noch die nötige Unbefangenheit besitzt, so etwas zu versuchen, dann der 46-jährige Regisseur von "Moulin Rouge". Doch auch der beste Küchenchef müsste an diesem Menü scheitern: Ein Teil der Zutaten ist einfach nicht mehr zu bekommen. Und der andere ist, wenn nicht vergiftet, so doch bedenklich kontaminiert.

Nicole Kidman und Hugh Jackman sind Scarlett und Rhett: Sie eine mit natürlicher Autorität begabte Engländerin, frisch gebackene Erbin von schier unendlichem Farmland im australischen Norden. Er der ungezähmte Cowboy in dieser Westernlandschaft, der ein idealer Manager und Gatte wäre, wenn er denn nicht - wie gesagt - unzähmbar wäre. Mühsam hält die erste Filmstunde mit etlichen Verwicklungen das ungleiche Paar davon ab, sich endlich zueinander zu bekennen. Immerhin gibt es einen Weltkrieg, der auch in Australien deutlich zu vernehmen ist. Und es gibt - fast schlimmer noch - einen bösen Viehbaron, der wie in einem alten Western auf den Namen King Carney hört. Was täte er nicht, um das üppige Weideland von "Faraway Downs" seinem Imperium einzuverleiben. Und es gibt einen Rassenkonflikt.

Die zentrale Nebenhandlung ist die Geschichte des Jungen Nullah, den das Paar gewissermaßen adoptiert hat und der als Aborigine-Mischling von einer rassistischen Praxis bedroht ist: Noch bis ins Jahr 1973 war es in Australien legal, Aborigine-Kinder in Erziehungsheime zu verschleppen, wo sie zwangsweise zu Hausdienern ausgebildet wurden. Doch Baz Luhrmanns Epos "Australia" ist keineswegs die lange ausstehende filmische Aufarbeitung dieser wenig bekannten Tragödie.

Wer Australien ein wenig kennt, weiß, dass man in den Metropolen ganze Museumsetagen für die Kunst der Ureinwohner freiräumt, ihre Lebensbedingungen aber nach wie vor marginalisiert. Man hat sie gründlich weggelobt aus der Kultur, doch Baz Luhrmanns sträfliche Unbefangenheit geht ein gutes Stück weiter. Jeder Ureinwohner besitzt in seinem Film Zauberkräfte und seherische Begabungen. Sogar unsichtbar scheinen sich diese dem Göttlichen um einiges näheren Menschen machen zu können, ein Talent, das sie auch im gegenwärtigen Australien bestens gebrauchen könnten.

Nullahs Großvater residiert als Ausgestoßener auf einem Berg, von dem aus ihm nichts zu entgehen scheint. Nicht nur Elton Johns Filmmusik erinnert in diesen Szenen an eine zweite Hollywood-Referenz für Baz Luhrmann, den Disneyfilm "Der König der Löwen". Von dort hält er mit seinem Enkel telepathischen Kontakt.

Australien mag in der Aufarbeitung seiner Rassismus-Historie ein wenig langsamer sein als die USA. Wenn nun aber erst die Onkel-Tom-Phase der Annäherung eintritt, hinkt man mehr als die siebzig Jahre seit der Premiere von "Vom Winde verweht" zurück. Und - anders als bei diesem Hollywood-Klassiker - gibt es wenig Positives, das man gegen den bitteren Beigeschmack aufwiegen könnte. Gerade in seinem Versuch, die Opulenz vergangener Melodramen nachzuahmen, ist Luhrmanns Scheitern am deutlichsten: Aus zweiter Hand sind die sentimentalen Aufladungen - etwa wenn Nullah zum "Wizard of Oz"-Fan bekehrt wird und zu den dramatischen Höhepunkten den Titelsong "Over the Rainbow" auf seiner Mundharmonika intoniert. Und die opulentesten Szenen des Spektakels, in denen gewaltige Rinderherden leinwandfüllend auf eine Klippe zu stürmen, stammen erkennbar aus der digitalen Trickkiste.

So reizvoll es ist, die vergangene Kino-Glorie wieder zu beleben und die Sehnsucht wieder zu erwecken: so selten auch führt der Blick zurück zu etwas Besserem als dem trotzigen Griff ins DVD-Regal. Und wenn man doch bei "Vom Winde verweht" landet, diesem in mancher Hinsicht unwiederholbaren Hollywood-Klassiker.

Australia, Regie: Baz Luhrmann,

Australien/USA 2008, 165 Minuten.

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