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Kino: „Chinese zum Mitnehmen“

Schicksal und Rinderhoden: Der argentinische Film „Chinese zum Mitnehmen“ ist eine tröstliche Parabel über die Sinnlosigkeit, über schwarzen Humor und nervige Kunden mit Sonderwünschen.

        

Zwangsvereint: Ignacio Huang und Ricardo Darín (v. l.).
Zwangsvereint: Ignacio Huang und Ricardo Darín (v. l.).
Foto: Ascot Elite

Die Geschichte dieses Films beruht auf wahren Begebenheiten, liest man, bevor das erste Bild erstrahlt: Es ist ein Sparlampen-Leuchtkastenbild, wie es in fast jedem China-Restaurant der Welt an der Wand hängt. Ein See ruht, die Wellenkämme blitzen auf, Vögel und Schmetterlinge sind appliziert, und kegelförmige Gebirgsformationen säumen die Idylle.

Und da! Ein Bötchen mit roten Lampiönchen schaukelt im Geglitzer, ein glattgesichtiges Mädchen kichert, als ein glattgesichtiger, liebesliedsingender Junge die Verlobungsringe auspackt. Es zwitschert, es plätschert, es singt, dann aber brummt es und muht und kracht. Eine Kuh ist aus einem Flugzeug gefallen, hat das Boot und die Braut zerschmettert.

Hä, China?

Hat sich diese Geschichte nicht in Koreas Gewässern, im Ochotskischen Meer bei der Insel Sachalin zugetragen? War es nicht ein Fischerkahn und kein Liebesboot, in das die Kuh einschlug? Oder war das eine andere Kuh, ein anderes Flugzeug, ein anderes Boot? Nun mal nicht so pingelig, jeder kennt die Geschichte; keiner weiß, ob sie wirklich passiert ist.

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Nur Gott kann es wissen, und der wird vermutlich nicht so gern darüber sprechen. Nicht, weil ihm das Missgeschick oder gar sein Sinn für Humor peinlich wäre, sondern weil er uns nun einmal so erschaffen hat, dass es sinnlos ist, uns den Sinn einer solchen Begebenheit zu erläutern. Wir würden es nicht verstehen, wir würden nicht aufhören, uns verarscht vorzukommen. Und erst die Kuh!

Roberto lächelt nur selten

Roberto, der Held des argentinischen Kinohits „Chinese zum Mitnehmen“ von Sebastián Borensztein sammelt solche schrillen Kontingenz-Geschichten, die als knallbunte Visionen-Clips einen schönen Kontrast bilden zu dem ruhigen, grauen Außenbezirk von Buenos Aires, wo der Rest des Films spielt. Der Eisenwarenhändler schneidet die Geschichten aus alten, systematisch durchforsteten Zeitungen aus und klebt sie in Alben.

Es kann sein, dass er über diese Geschichten lächelt. (Wenn sich während eines Liebesspiels im Auto die Handbremse löst und das Fahrzeug in den Abgrund stürzt. Wenn ein mittels Herztransplantation Geretteter bei einem Verkehrsunfall während des Transports in die Rehaklinik tödlich verunglückt. Wenn bei einer Vollbremsung eine Gerüststange von einem Lieferwagen durch die Scheibe eines Friseursalons schießt, den Barbier am Kopf trifft, so dass dieser, sterbend, dem Kunden die Kehle durchschneidet.)

Roberto (gespielt von Ricardo Darín, dem bekanntesten Darsteller Argentiniens) hat seine Mutter bei der Geburt, seinen Vater mit 19 Jahren verloren und musste im Falkland-Krieg mitkämpfen; er lächelt nicht hämisch, sondern melancholisch und wissend. Er identifiziert sich mit den Opfern der schwarzen Schicksalsspäße und sieht sich bestätigt: Das Leben ist sinnlos.

Der Fremde und der Kauz

Er wehrt sich dagegen, indem er sein Leben strukturiert, wofür sein Krämerberuf wie geschaffen ist. Jede Schraube hat ihr Fach, zum Frühstück gibt es Kaffee und Weißbrotkrümel, abends selbst gemachte Pommes, und um 23 Uhr − auf die Sekunde − knipst er das Licht aus. Es ist nicht so, dass er Menschen nicht leiden kann, sie stören eben nur sehr. Das gilt für Kunden mit Sonderwünschen, für nachlässige Lieferanten, aber auch für die lebenslustige Mari (Muriel Santa Ana), die sich in Roberto verliebt hat.

Und dahinein platzt, wie einst die Kuh in die Idylle, eben jener durch den Rind-Einschlag verwaiste Bräutigam. Der jungenhafte Chinese Jun Quian (Ignacio Huang) rollt aus einem Taxi vor Robertos Füße, heult und plappert los, wenig später wird er argentinische Rindfleischspezialitäten verdrücken: Wurst, Kutteln und Hoden − und so still Rache nehmen dafür, was die Kuh ihm angetan hat.

Die Komödie erzählt behutsam, freundlich und klar, wie die beiden − der Fremde und der Kauz − miteinander klarkommen, bis Jun endlich seinen Onkel findet und Roberto Mari. Man kann den Film politisch ein bisschen aufwürzen, indem man ihn als Integrationsmetapher versteht. Aber eigentlich ist er eine Parabel über die Sinnlosigkeit des Lebens, also eine Parabel darüber, dass der Sinn des Lebens darin besteht, sich mit seiner Sinnlosigkeit abzufinden und sich hineinzustürzen. Siehe Kuh.

Chinese zum Mitnehmen (Un cuento chino) Argentinien 2011. Drehbuch & Regie: Sebastián Borensztein 93 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

Autor:  Ulrich Seidler
Datum:  6 | 1 | 2012
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