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Film

03. Oktober 2014

Kino "Land der Wunder": Der Bienenzüchter

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Impressionistische, aber ungeschönte Farben im "Land der Wunder".  Foto: Delphi Filmverleih

Alice Rohrwachers Familienfilm „Land der Wunder“ beschönigt nichts und feiert doch die Schönheit. Ein beglückendes Erlebnis mit wehmütiger Seite: „Land der Wunder“ gehört auch zum Nachlass des großen Frankfurter Filmschaffenden Karl „Baumi“ Baumgartner.

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Wunder gibt es immer wieder, wie schon Katja Epstein wusste, aber das ist ja das Problem. Wenn man es nur laut genug beschwört, das Wundersame, Wunderbare, verflüchtigt es sich in der Regel augenblicklich. Die 29-jährige italienische Regisseurin Alice Rohrwacher führt in ihrem zweiten Spielfilm, der im Original nicht von ungefähr „Le meraviglie“, „Die Wunder“ heißt, in genau diese Welt der schönen Verheißung.

Das „Land der Wunder“ des deutschen Filmtitels ist im Film nur ein Werbeslogan, geprägt von einer lokalpatriotischen Gameshow, die für authentische Agrarprodukte wirbt. Zentrale Figur ist ein zwölfjähriges Mädchen, das den heimischen Familienbetrieb, eine kleine Biozucht, für die Sendung anmeldet – und damit ganz und gar nicht dem Ethos seines Vaters folgt, eines zum Fanatismus neigenden Aussteigers (Sam Louwyck).

Dieser Wolfgang lebt mit seiner deutschen Frau (Alba Rohrwacher) und seinen vier Töchtern auf dem italienischen Land – die Regisseurin drehte in den malerischen Orten ihrer Kindheit zwischen Umbria-Lazio und der Toskana.

Obwohl alle vier Kinder bei der Wartung der Bienenstöcke streng nach seiner Pfeife tanzen müssen, sieht sich der offensichtliche Patriarch nicht als Familienoberhaupt. Diese Ehre gebührt für ihn Gelsomina, die er zur Erbin seines kleinen Königreichs erkoren hat. Als diese jedoch in den Bann des falschen Zaubers der Fernsehshow geraten ist, in der Monica Bellucci als Werbefee für Agrarprodukte wirbt, fühlt er sich von ihr betrogen.

Tatsächlich wirkt diese im Glanz des Falschen für das ökologisch Wahre werbende Show als größtmöglicher Gegensatz zur sonstigen Form des Films. Auf echtem, nicht digitalem Material gedreht, beginnt er mit berauschenden semi-dokumentarischen Szenen der Bienenzucht. Es sind Bilder von archaischer Arbeit in impressionistischen, aber ungeschönten Farben.

Ereignis ohne Zutun

So hat das Kino einmal, in der frühen Stummfilmzeit begonnen: Schwelgend in dem, was schon ohne Zutun ein Ereignis war. Der Begriff des Dokumentarischen wurde erst Ende der zwanziger Jahre erfunden. Bis dahin gab es keine Trennung zwischen der künstlerischen Erfindung und nicht-fiktionalem Kino. Diese wunderbaren Bilder des Tatsächlichen liefern den Rahmen für eine Inszenierung von seltener Einfühlsamkeit.

Allein dem Zuschauer bleibt es überlassen, zu entscheiden, ob es sich bei dieser offensichtlichen Kinderarbeit um einen Fall von krimineller Ausbeutung handelt. Tatsächlich aber gilt für die Landwirtschaft auch in Deutschland ja noch eine Ausnahmeregel. So intensiv man den Alltag dieses hart arbeitenden Mädchens erlebt, so nachvollziehbar erscheint zugleich ihre Verführung durch die Fernsehtruppe, die im Dorf ihre Zelte aufschlägt.

Der italienische Neorealismus liebte dieses Motiv der Konfrontation einfacher Menschen mit dem industriell fabrizierten Wunder. Federico Fellini drehte zu eben diesem Thema im Jahre 1952 seinen Familienfilm „Der weiße Scheich“: Eine junge Frau wird darin Zeugin einer professionellen Aufnahme-Session für einen Fotoroman. Diese staunende Verehrung des Publikums für die „Männer, die die Sterne machen“, um mit dem Regisseur Giuseppe Tornatore zu sprechen, ist ein Teil des italienischen Kinos. Seine größten Stars, allen voran Sophia Loren, wurden bei Schönheitskonkurrenzen gekürt. In der Ära Berlusconi setzten Gameshows dieses Erbe fort. Es gehört nicht viel dazu, die falschen Verführer zu enttarnen.

Alice Rohrwacher aber moralisiert nicht. Auch der ökologische Bienenzüchter ist eine problematische Figur, getrieben von einem Ideal nicht entfremdeter Arbeit, für das er die Ausbeutung seiner Kinder in Kauf nimmt. Rohrwacher beschönigt nichts. Und feiert doch die Schönheit dieser Arbeit in der Natur mit den Mitteln eines ebenso wenig entfremdeten Kinos: Einer furiosen, aber nie nervösen Handkamera und einem Filmmaterial, dem das Honiggold ins Pigment geschrieben ist.

Verantwortlich ist mit Hélène Louvart eine weitere große Künstlerin hinter der Kamera. Für Wim Wenders fotografierte sie „Pina“ – und scheint hier selbst in einer Bausch’schen Choreografie zu schwelgen. „Land der Wunder“ wäre nichts ohne diesen farbtrunkenen Bilderrausch.

Wenn man dennoch Wehmut bei diesem beglückenden Film empfinden kann, dann weil sein Produzent seine Fertigstellung nicht mehr erleben durfte: Es ist eines der nachgelassenen Werke des großen Frankfurter Filmschaffenden Karl „Baumi“ Baumgartner.

Land der Wunder. Italien, Schweiz, Deutschland 2014. Regie: Alice Rohrwacher. 111 Min.

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