Fritz Langs "Metropolis" nach dem Drehbuch von Thea von Harbou, ist ein Film, der Geschichte gemacht und seinerseits diese Geschichte nur stark verstümmelt überstanden hat. Jetzt aber ist er wieder da.
Die Berlinale hat begonnen, und wir sind stolz. Wenn es gilt, Stolz auszudrücken, halten Fachleute und Politiker Reden. Am Freitag bei der Wieder-Uraufführung von "Metropolis" weiß sich jeder angemessen zu benehmen, sogar die Politiker, niemand übertreibt, jeder kennt den Wert der Kooperation verschiedener Fachleute und Institutionen, die verbale Ouverture in der Frankfurter Alten Oper und zeitgleich in Berlin rekapituliert kursorisch den Archiv-Thriller einer Wiederentdeckung und Restaurierung, ein paar Zahlen werden genannt, die mit zu dem gehören, worauf wir stolz sind: Wir geben für unsere Beiträge zur Weltkultur und zu ihrer Erhaltung Geld aus, und das nicht zu knapp, auch in Krisenzeiten. So sind wir, während einer aufwändigen und grandiosen Kinovorstellung mit Live-Orchester, für drei Stunden Vertreter einer mit sich selbst ins Reine gekommenen Kulturnation.
Langs "Metropolis" gehört nicht der Arbeiterklasse und nicht der Bourgeoisie, nicht der Murnau-Stiftung oder der Berlinale, nicht den Deutschen und nicht Argentiniern, er gehört jetzt allen. Weil er Teil der Vergangenheit und ihr wieder abgeluchst worden ist. Weil er aus Zeiten stammt, die unter anderem aufregend und demokratisch waren und ein paar Jahre vor den schlimmsten Jahren des 20. Jahrhunderts lagen.
"Metropolis" trägt in seiner komplexen Geschichte viele der Narben dieser Zeitläufe; die jetzt rekonstruierte Fassung ist nicht nur etwas Altes, das neu zusammengefügt wurde, sie tritt uns auch wie etwas Verheiltes entgegen, bei dessen Anblick man nichts vergessen muss.
Kino ohne Tonspur, also ohne Dialoge, das ist nur eine negative Beschreibung dessen, was da geschieht. Wer die Wieder-Uraufführung von "Metropolis" nicht im Fernsehen, sondern im Saal gesehen hat, weiß jetzt viel mehr darüber als vorher. Großes Stummfilmkino, das heißt nicht mal eben ins Kino gehen. Es ist ein festliches Abendvergnügen: Ein Orchester (in Frankfurt: das Staatsorchester Baunschweig) sitzt vor der Leinwand, ein Dirigent (Helmut Imig) steht am Pult, es gibt eine Ouverture, alles ist eher wie eine Opernvorstellung.
Gottfried Huppertz´ Filmmusik klingt nach Wagner, und auch das sagt uns durchaus etwas Neues. Denn Fritz Langs Bilderwelt ist durch und durch schwarzweiß und expressionistisch, von Visionen der Moderne geprägt, von einer düsteren, ahnungsvollen Fantasie verschrägt und verschattet und bedrohlich monumentalisiert, die Stadt Metropolis hat nirgends einen Platz für Romantik. Außer in den Beziehungen und in den Gesichtern der Menschen.
Der junge Fredersen ist ein romantischer Held, der sich stets kopfüber in die Gefühlswelt seiner schönen Seele wirft, Maria ist ein mütterlich-ätherisches Wesen, das gleichwohl als Maschinenmensch seine der Welt des Anstands und der guten Sitten abgewandten, verführerischen und dämonischen Seiten ausspielt. In "Metropolis" treffen das 19. und das 20. Jahrhundert kontrastreich aufeinander. Der Film ist in keiner Weise naturalistisch, alles ist überhöht, alles läuft von Anfang an auf Konfrontation hinaus.
Es dauert ein wenig, bis man sich als Zuschauer damit abgefunden hat, dass hier nicht geredet wird. Bis man akzeptiert, dass man dennoch auch Zuhörer ist. Und es dauert ein wenig, bis man sich darauf eingestellt hat, dass es nicht um das, was gesagt wird, geht, sondern darum, wie es gesagt wird. Stummfilm mit Orchesterbegleitung, das ist ein Kino der puren, großen und fast averbalen Gefühle. Es sind die Musik und die Gesichter, die Bedeutungen tragen, nur gelegentlich gesellt sich ein von den Lippen ablesbares Wort oder eine Schrifttafel dazu.
Es ist die Musik, die den Rhythmus des Films aufnimmt, die für den Zuschauer den Film emotional zugespitzt interpretiert, die ihn nervös machen oder besänftigen will, die Vorahnungen von etwas enthält, das noch nicht zu sehen ist oder Nachklänge von Verschwundenem. Musik und Film stehen gleichberechtigt nebeneinander und sind eine Verbindung eingegangen, die von enormer suggestiver Wirkung ist.
Die Präsenz eines live spielenden großen Orchesters ist massiv, und Helmut Imig und das Braunschweiger Staatsorchester tun eine bewundernswerte Arbeit, voll Umsicht, Konzentration, Genauigkeit, kraftraubender als eine Opernaufführung. Nach 20 Minuten vermisst man keinen Dialog mehr, und am Ende weiß man, wie überflüssig Dialoge sein können: Wie oft hätte es wohl, bei gleichem Plot, in einem handelsüblichen Tonfilm des 21. Jahrhunderts eine Dialogpassage wie "Bist du okay?" - "Ja!" gegeben?
Es ist in der Filmgeschichte nicht oft vorgekommen, dass ein Film und seine Musik so intensiv und präzise verschränkt sind wie im Fall "Metropolis". So ermöglicht die Wieder-Uraufführung einen erstaunlichen Rückblick auf eine untergegangene populäre Kunstform. Kann es sein, dass früher wirklich manches besser war?