Film

17. August 2010

Kino: Angelina rennt

 Von Daniel Kothenschulte
Man wusste längst, was in dieser Schauspielerin steckt.  

Untätigkeit kann man ihr nicht vorwerfen: Erst Angelina Jolie bringt den Thriller „Salt“ von Philipp Noyce wirklich auf Touren.

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Es kommt nicht oft vor, dass sich ein amerikanischer Rezensent für einen Actionfilm aus Hollywood einen deutschen zum Vergleich aussucht. Roger Ebert, den Star-Kritiker der Chicago Sun-Times, erinnerte allerdings Angelina Jolies Kunst, im Parcours der rasanten Verwicklungen von „Salt“ zu bestehen, an Franka Potente. Nur lasse es Jolie dagegen so aussehen, als handele „Lola rennt“ vom Gehen.

Tatsächlich ist „Salt“ ein Thriller in atemberaubendem Tempo, der sich wenig Zeit nimmt für Erklärungen. Hauptsache, sie beinhalten etwas, wovor man Davonlaufen kann. Angelina Jolies Titelfigur, die Geheimagentin Evelyn Salt, bekommt dazu reichlich Gelegenheit. Zuerst ist es ein nordkoreanisches Schauergefängnis. Danach kann es nur noch schlimmer werden. Obwohl sie hochrespektiert von ihren Vorgesetzten ist, reicht die Anschuldigung eines russischen Spions, sie zur meistgesuchten Person des Landes zu machen. Denn auf US-Boden sei ein Attentat auf den russischen Präsidenten geplant. Der Name der vermeintlichen Schläferin: Evelyn Salt.

Sie ist ihre eigene Comicfigur

Die einfache Handlungsidee steht recht weit oben auf dem Spickzettel für Genre-Autoren: Es ist die vom Top-Spion, der von einem Moment auf den anderen bemerken muss, dass er in Ungnade gefallen und sein Schicksal besiegelt ist. Die einzige Chance, es noch einmal zu wenden, liegt dann in den eigenen Talenten. Schließlich ist man ja Top-Spion. Robert Redford spielte die Rolle 1975 etwas lustlos für einen kleineren Millionenbetrag in „Die drei Tage des Condor“. Er kaufte damals die schönsten Landstriche des Staates Utah, um sie vor der Umweltzerstörung zu retten.

Angelina Jolie, ebenfalls eine spendable Philanthropin, erhielt zwanzig Millionen für ihre Mitwirkung in „Salt“: Nun gilt der 110 Millionen Dollar teure Film trotz Einnahmen von 91 Millionen in drei Wochen bereits als Kassenflop. Sieht man aber den Film des Australiers Phillip Noyce, der mit seinem maritimen Thriller „Todesstille“ vor zwei Jahrzehnten Nicole Kidman zum Star machte, kann man ihr Untätigkeit nicht gerade vorwerfen. Sie springt von Brücken auf fahrende Lastzüge und klettert in einem Fahrstuhlschacht behänder als jede Katze. Vermutlich ist es auch nur ihr digitales Double, aber selbst dieses wäre nicht dasselbe mit einem anderen Gesicht und einer anderen Figur. Nur Comichelden werden besser bezahlt als Schauspieler, und Angelina Jolie ist längst ihre eigene Comicfigur.

In der Filmgeschichte gab es eine Reihe männlicher Actionstars, die ähnliches erreicht haben – von Douglas Fairbanks über Errol Flynn bis zu Schwarzenegger und Jackie Chan. Aber nach einer attraktiven Frau, die zu einer ähnlichen Action-Ikone wurde, muss man lange suchen. Nur in Indien gab es in den 1930er Jahren eine akrobatische Actrice, die Angelina Jolie noch etwas vormachen könnte – Fearless Nadia. Noch in ihren Fünfzigern spielte sie kämpfende Dschungelköniginnen.

Die Medienwissenschaftlerin Carol J. Clover prägte im Horror- und Slasherkino den Begriff des „Final Girl“ für das Phänomen, dass es oft Frauen sind, die monströsen Killern am Ende das Handwerk legen. Diese Frauen tragen vielfach androgyne Züge und wirken ihrer eigenen Sexualität entrückt, was für Clover eine männliche Projektionsfläche ermöglicht: Gemeinsam mit ihren Waffen nähmen sie eine phallische, maskuline Platzhalterrolle an.

Diese These mag das Wirkungsmuster und den Erfolg etlicher Genrefilme bei einem männlichen Publikum erklären; Angelina Jolie und die von ihr mehrfach verkörperte Game-Heldin Lara Croft beweisen indes, dass das genaue Gegenteil bei der Zielgruppe noch erfolgreicher sein kann. Für Jolies Filmfiguren gehört es zum eingespielten Ritual, dass die äußere Attraktivität vorübergehend durch Verkleidungen entstellt werden muss. Als untergetauchte CIA-Agentin Evelyn Salt muss sie dann auf unpassende Haarfarben und schlechtes Make-up ausweichen. Diese Verwandlungen führen in der Geschichte dazu, die Identitätssuche der Agentin zu illustrieren.

„Speed“ mit Sandra Bullock ist langsam dagegen

Und nun wird es auch abseits der äußeren Action interessant. Denn wer ist überhaupt Evelyn Salt und woher nimmt der Zuschauer die Gewissheit, dass der Spion, der sie verraten hatte, die Unwahrheit sagte? Und mit einem Mal setzt dieser Film auch sein eigenes Erfolgsmuster außer Kraft, das schon Truffaut mit der einfachen Formel benannte: „hübsche Frauen hübsche Dinge tun zu lassen.“ In imponierender Weise befreit sich Jolie innerhalb dieses Films von der Comicfigur, die ihren Namen trägt.

Man wusste längst, was in dieser Schauspielerin steckt, die bereits 1999 einen Oscar gewann für ihre Nebenrolle in „Durchgeknallt“. Allein in ihrem Gesicht finden die wenigen Brechungen statt, die aus „Salt“ dann doch etwas mehr machen als einen weiteren rasant-absurden Thriller. Das allerdings ist er ohne Abstriche.

Und vielleicht ist „Lola rennt“ noch nicht einmal der beste Vergleich. Der Actionfilm „Speed“ mit Sandra Bullock jedenfalls handelt im Vergleich zu „Salt“ geradezu von Langsamkeit.

Salt, Regie: Phillip Noyce, USA 2010, 100 Minuten.

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