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Film

03. Dezember 2013

Kino: Das deutsche Kino ist in der Krise

 Von Martin Hagemann
Seit Wochen vom Erfolg verwöhnt: „Fack ju Göhte“.  Foto: Constantin Film

Kommerz und Kunst – nur nichts dazwischen. Das deutsche Kino ist in der Krise. Die Filmproduzenten sind gegenüber den Verwertern im Nachteil, die Filmförderung liegt im Argen.

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Der Kinofilm ist zweierlei: ein wirtschaftliches und ein kulturelles, manchmal sogar künstlerisches Gut. Beide Seiten sind dabei nicht voneinander zu trennen – ob der hohen Produktionskosten und der im Erfolgsfall möglichen weitreichenden gesellschaftlichen Wirkung.

Zum Ende des Jahres sorgt der phänomenale Erfolg von „Fack Ju Göhte“ dafür, dass der Marktanteil des deutschen Films in diesem Jahr sich wieder über 20 Prozent einpendeln wird, nachdem er 2012 unter diese Marke gerutscht war. Auf der anderen Seite der Medaille glänzt die „Berliner Schule“ – sie wurde gerade im Museum of Modern Art in New York mit einer kleinen Werkschau geehrt. Es scheint alles gut zu laufen beim deutschen Film, die Kasse stimmt und höhere Weihen wurden in dem Tempel der Kunst der Moderne empfangen. Und doch lenken gerade diese Erfolge umso mehr den Blick auf die Krise des deutschen Films.

Es fehlt an regelmäßigen guten Produktionen

Es fehlen in Deutschland seit langem Spielfilme, die sich zwischen den Polen von wirtschaftlicher und kultureller Ausrichtung positionieren. Es fehlt an regelmäßigen guten und erfolgreichen Filmproduktionen, die an einem Begriff von Film festhalten, der populär und anspruchsvoll zugleich ist. Die dafür dringend benötigten filmischen Geschichtenerzähler arbeiten in der Regel für das Fernsehen. Dort sind sie finanziell noch einigermaßen ausreichend ausgestattet, müssen aber lernen, mit den eher dürftigen inhaltlichen Ansprüchen klar zu kommen. Da die derzeit in den USA, Großbritannien oder Skandinavien blühende Serienform in Deutschland inhaltlich wie ökonomisch komplett unterentwickelt ist, bleibt den kreativen Urhebern und Produzenten in der Regel nur der Brotjob beim TV. Die Arbeit am Kinofilm ist für die meisten in der Branche zu einem gelegentlich stattfindenden nostalgischen Ausflug geworden, den man sich ab und zu leisten kann.

Signal der Krise: Überproduktion

Ein weiteres Signal der Krise ist die Anzahl der deutschen Kinofilmpremieren. 220 deutsche Kinofilme in 2012, das kann nur noch als Überproduktionskrise bezeichnet werden, in der sich die Filme im Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer kannibalisieren. Verschärft wird die Krise in nächster Zukunft auch durch die Überalterung der Kinobetreiber, da diese in der Regel keine Nachfolger für ihren Betrieb mehr finden. Viele brauchen ihr Kino, bzw. ihre Immobilie aber auch als Rentenversicherung, die demnächst eingelöst werden muss.

Damit einher geht die Unfähigkeit der Verleiher und der Kinobetreiber, die Chancen der neuen technologischen Möglichkeiten rund ums Internet zu erkennen, geschweige denn für den deutschen Kinofilm zu nutzen. Aber fatalster Ausdruck der „inneren Krise“ der deutschen Kinofilmbranche ist die fehlende Bereitschaft, das eigene filmische Erbe zu bewahren, welches in häufig ungeeigneten Lagern, auf sich selbst zersetzenden Trägermaterialien vor sich hin gammelt.

Wenig Chancen für die Produzenten

In der Öffentlichkeit wird die Filmindustrie gemeinhin mit den Produzentinnen und Produzenten identifiziert, die neben den Autoren und Regisseuren für die Erfolge, sei es im kommerziellen, sei es im kulturellen Feld sorgen. Aber was sind eigentlich Produzenten? Das Klischee lautet: Sie haben das Geld, um Filme zu entwickeln, anzuschieben, Finanziers zu überzeugen, um dann Filme zu produzieren und auszuwerten – und werden damit schließlich reich. Doch das Gegenteil ist der Fall, niemand in der Branche heute hat weniger Möglichkeiten und Einfluss, niemand ist abhängiger von den Verwertern, den Förderern und dem Fernsehen als die unabhängigen deutschen Kinofilmproduzenten. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Energie aus Idealismus und Durchhaltewillen sich Produzentinnen und Produzenten in Deutschland gegen die künstlerische und ökonomische Krise stemmen, obwohl sie die Krise des deutschen Films zuletzt zu verantworten haben.

Lena Schoemann und Christian Becker von Rat Pack zusammen mit Martin Moszkowicz vom Constantin Verleih in München haben es geschafft, Bora Dagtekins Komödie „Fack ju Göhte“ mit großem Cross-over-Potential zu produzieren – mit verdientem Kassenerfolg. Auf der anderen Seite haben Florian Koerner und sein Partner Michael Weber von Schramm Film ihren Regisseurinnen und Regisseuren der „Berliner Schule“ zwei Jahrzehnte lang kontinuierlich zur Seite gestanden und ihnen so eine künstlerische Karriere durch alle Höhen und Tiefen ermöglicht. Die Krise des deutschen Films wird nicht von den Produzenten verantwortet. Es ist eine Krise der Produktion und ihrer Finanzierungsstrukturen. Die Anfänge dieser Krise liegen inzwischen Jahrzehnte zurück.

Die Krise begann um 1960

Nach dem letzten großen Einschnitt der Kinofilmgeschichte in den 50er und 60er Jahren durch die flächendeckende Verbreitung des Fernsehens, waren es junge Filmemacher, die mit ihrer Forderung nach öffentlicher Förderung für künstlerische, kulturell bedeutsame Filme den Weg bereiteten für ein System der Kinofilmförderung, wie es die Produzentinnen und Produzenten heute gleichermaßen trägt wie belastet.

Das deutsche Förderwesen von Bund und Ländern hat, auch mit Hilfe der Filmbranche selber, ein System etabliert, in dem die Gewinne erfolgreicher Filme auf der Seite der Verwerter realisiert werden: der Kinos, Verleiher und der DVD-Vertriebe. Die Produzenten machen in der Regel auch bei erfolgreichen Kinofilmen wenig Gewinn. Ein Grund dafür: die stark gestiegenen Herausbringungs- und Werbekosten, die von den Verwertern investiert werden. Während dieses Investment aus dem Produzentenanteil aus den Erlösen zurückverdient wird, erhalten Kinos, Verleiher und DVD-Vertriebe schon einen Großteil als Honorar – bevor der Produzent noch alle Kosten zurückgezahlt hat.

Verwerter verdienen mehr als Produzenten

Die Verwerter haben in der Regel schon sechsstellige Beträge verdient, bevor der Produzent sein Investment zurückbekommt, geschweige denn Gewinne macht.

Diese Struktur, in der die Verluste auf Seiten der Produzenten und der Förderinstitutionen bleiben, und Gewinne von den Verwertern, den „middle men“ privatisiert werden, hat sich in den letzten 40 Jahren in den deutschen Filmfördergesetzen und Richtlinien entwickelt und verfestigt. So hat sich eine Branche von den Füßen auf den Kopf gestellt, in der erfolgreiche Filme Geld für die Verwerter einbringen, während die unabhängigen Produzenten entkapitalisiert wurden.

Wenn aber Produzenten heute nur noch von der Herstellung der Filme und nicht von ihrer Auswertung leben können, werden sie zu Auftragsproduzenten der Verleiher und Verwerter, ähnlich wie in der Fernsehproduktion, bei der in der Regel alle Rechte an den Sender abgegeben werden und fest vereinbarte, erfolgsunabhängige Honorare den einzigen Erlös der Produzenten ausmachen.

Dabei kann man als Auftragsproduzent, was tragisch ist, nur erfolgreich sein, wenn man während der Herstellung des Films soviel wie möglich aus dem Budget zurückzuhalten versucht und den Film so letztlich schlechter macht. Gute Produzenten dagegen würden investieren, um den Film so erfolgversprechend wie eben möglich zu produzieren, damit er am Markt mehr Chancen hat und Gewinne macht. Was aber sinnlos ist, wenn man an diesen Gewinnen niemals oder viel zu selten partizipiert? Zweite Konsequenz ist, dass der Auftragsproduzent schnell merkt, dass er mit zwei hergestellten Filmen mehr verdient als mit einem, egal wie gut oder wie schlecht beide sind. Dies ist der wahre Grund für die Überproduktionskrise.

International keine besonders bedeutsame Rolle

Die Hälfte der sechshundert Millionen Umsatz innerhalb der deutschen Kinofilmproduktion wird heute in einem Prozent der deutschen Produktionsfirmen bewegt, während 83 Prozent der Produktionsfirmen nur für acht Prozent des Umsatzes verantwortlich sind. Da es aber diese Firmen sind, die eher kulturell und künstlerisch orientierte Filme entwickeln und ermöglichen, steht es um den künstlerischen Film in Deutschland schlecht.

Verglichen mit dem künstlerischen Output nicht nur in Frankreich, sondern auch mit wesentlich kleineren Ländern wie z.B. Österreich und Dänemark, spielt der deutsche Film international keine besonders bedeutsame Rolle mehr auf den wichtigen Filmfestivals oder gar in internationalen Märkten.

Wenig Hoffnung auf Änderung gibt es deshalb, weil die Situation der deutschen Filmwirtschaft mit ihren veralteten Förderungs- und TV-Strukturen kaum Experimente zulässt – Innovationen bleiben damit aus. Und da die interessanteren, herausfordernden Filme fehlen, ist sie das Publikum auch nicht mehr gewöhnt: Gute Angebote nimmt es automatisch ab einem bestimmten „Point of no return“ gar nicht mehr an. Die Flops bestätigen dann wiederum die kritische Haltung der „Old-school“-Industrie gegenüber experimentelleren, herausfordernden Stoffen. Ein Teufelskreis.

Wo bleiben die guten Filme?

Die Kinos sind nun alle technisch digitalisiert, aber von einer interessanteren, intelligenteren, vielfältigeren Programmierung, die jetzt möglich wäre, kann nicht die Rede sein. Internet-streaming und Video on Demand werden nicht genutzt. Lieber versuchen Kinobetreiber und Verwerter mit dem Förder-Business-Modell noch eine Weile risikolos gut zu verdienen.

Dazu klammern sie sich so lange wie möglich an die alten Sperrfristen für die verschiedenen, langsam verschwindenden Auswertungsstufen. So werden sie wohl das jüngere Publikum an Internetportale wie netflix und Co. verlieren.

Kurzfristige Abhilfe könnte nur eine Trennung der kulturell-künstlerischen Förderung von der wirtschaftlichen Förderung bringen. Für die künstlerischen und kulturellen Filme müssen andere Finanzierungs- und Verwertungsstrukturen entwickelt werden, die dann eine bessere ökonomische Situation der Produzenten und Kreativen dieser Filme, sowie einen direkteren Zugang zum Publikum ermöglichen. Allerdings müssten dazu Kriterien eines kulturell und künstlerisch erfolgreichen Films entwickelt werden, denen sich diejenigen stellen müssten, die diese Filme inszenieren und produzieren.

Erst wenn die Kreativen und Produzenten dabei nicht von Gremien und Redaktionen abhängig sind und die Entscheidung und das Risiko der Stoffauswahl selbst tragen, hat der deutsche Film auch beim Publikum und den internationalen Festivals wieder eine Chance. Weil ein solcher Film dann wieder etwas zu sagen hätte. Weil er riskanter wäre als alles, was man im Moment zu sehen bekommt im deutschen Kino. Und weil sich das Risiko wieder lohnen würde, abseits der nur-kommerziellen Strecke zu denken und zu produzieren.

Martin Hagemann ist Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf" in Potsdam. Er ist Produzent von etwa 30 Spiel- und Dokumentarfilmen.

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