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Kino: Die Waffen der Frauen

John Patrick Shanleys katholisches Religionsdrama stellt die "Glaubensfrage" zwischen der strengen Nonne Meryl Streep und Priester Philip Seymour Hoffman, den diese des Kindesmissbrauchs beschuldigt.

Wer weiß schon was Priester wirklich denken.
Wer weiß schon was Priester wirklich denken.
Foto: walt disney

Ein Straßenzug in der New Yorker Bronx. Es ist Sonntag früh, ein mildes Licht liegt über diesem Morgen, an dem selbst die Rinnsteine aussehen wie für den Kirchgang herausgeputzt. Dann läutet die Glocke zur Messe und bringt das ganze Viertel auf die Beine. Die Reihen dicht geschlossen, lauschen die Gläubigen der frommen Kunde, während eine erfahrene Nonne ihr strenges Auge auf die jugendlichen Hinterbänkler gerichtet hält. In den ersten Einstellungen zeigt John Patrick Shanley eine kleine Welt, die auf altmodische Weise noch in Ordnung scheint. Man könnte auch vermuten: eine Welt, die viel zu geordnet ist, um wahr zu sein. Schließlich bleibt man beim Gedanken an die Katholische Kirche heute beinahe zwangsläufig bei Themen wie Kindesmissbrauch oder Orthodoxie in Geschlechterfragen hängen.

Schon in seinem mit dem Pulitzer-Preis gekrönten Theaterstück "Glaubensfrage" legt John Patrick Shanley den Finger auf diese beiden wunden Punkte des katholischen Selbstverständnisses. Nun lässt er die gleichnamige Verfilmung seines Stoffes folgen, der man ihre Bühnenherkunft leider etwas zu deutlich ansieht. Ähnlich wie Heinrich Breloer bei "Buddenbrooks" lässt der filmische Neuling die Kamera so verlässlich wie einfallslos in die Schräge kippen, wenn er eine dramatische Handlung unterstreichen will, und vertraut ansonsten seinem namhaften Ensemble.

Kino

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In den Hauptrollen sind Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman zu sehen, die als Nonne und Priester die Klinge kreuzen. Gleich zu Beginn wird die Direktorin der Sprengelschule von ihrem späteren Widerpart scherzhaft zum Hausdrachen erklärt, und tatsächlich erscheint Schwester Aloysius zunächst als Kinderschreck und erklärte Feindin jeder klerikalen Öffnung. Allerdings gibt sich Shanley in der Folge alle Mühe, sie nicht einfach als Ewiggestrige zu stigmatisieren: In beiläufigen Gesten entpuppt sich der Drache vielmehr als erfahrenes Muttertier, dessen Gespür für innerkirchliche Gefahren sich mit der Zeit immer weiter verfeinert hat.

Gewissens-Indizien

Ohne diese charakterliche Nuancierung wäre Meryl Streeps Figur wohl wirklich nur das Inbild eines sich unfehlbar dünkenden Gottvertrauens, das einige amerikanische Kritiker in ihr gesehen haben. Scheinbar aus heiterem Himmel verdächtigt sie den sanftmütigen und allseits beliebten Gemeindepriester, sich an einem zwölfjährigen Schüler vergangen zu haben. Obwohl sie ihren Vorwurf nicht beweisen kann, hat sie vor ihrem Gewissen ausreichend Indizien gesammelt, um überzeugt zu sein. Sie stellt Father Flynn zur Rede, doch der streitet alles ab und unterstellt ihr im Gegenzug, dass sie in Wahrheit nur seine fortschrittliche Religionsauffassung in den Schmutz ziehen will.

Shanley mag kein geborener Filmemacher sein, aber er versteht sein dramatisches Geschäft. Er hält die Schuldfrage bis zum Ende geschickt in der Schwebe und deutet die moralischen Abgründe auf beiden Seiten der Frontlinie an. Es ist nicht zu übersehen, dass Schwester Aloysius die neuen religiösen Sitten ein Dorn im Auge sind, und in einigen vorbildlich gebauten Szenen erscheint der Machtkampf um das kindliche Seelenheil weniger als Glaubens- denn als Geschlechterfrage.

Während der Priester institutionell am längeren Hebel sitzt, kann die Nonne immerhin auf ein Arsenal weiblicher Schliche zurückgreifen, das wenig mit Verführungskunst gemein hat, im klassischen Verständnis aber ebenso sehr zu den Waffen der Frauen zählt.

Im Grunde ist die "Glaubensfrage" damit verzwickt genug, doch Shanley bringt auch noch die Rassenthematik ins Spiel: Den ersten schwarzen Schüler seiner weißen Gemeinde hat sich der Priester als mutmaßliches Opfer ausgesucht.

Dennoch dürfte der handwerklich solide Film für Aufsehen sorgen. Fünf Oscar-Nominierungen konnte Shanleys Regiedebüt auf sich vereinen, vor allem, weil die amerikanische Filmakademie traditionell gewichtige Stoffe und dankbare Schauspielrollen honoriert. So wurden außer Streep und Hoffman auch die Nebendarstellerinnen Amy Adams (als unerfahrene Nonne) und Viola Davis bedacht. Letztere spielt die Mutter des farbigen Jungen, und es ist in der Tat bewundernswert, wie sie einer Figur, die entweder dem Mars oder einer überhitzten Fantasie entstammt, so etwas wie Glaubwürdigkeit verleiht.

Glaubensfrage, Regie: John Patrick Shanley, USA 2008, 104 Minuten.

Autor:  MICHAEL KOHLER
Datum:  5 | 2 | 2009
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