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Kino: Feuerwerk und Feuerlöscher

Geschichte eines Opportunisten: Jirí Menzels Film "Ich habe den englischen König bedient".

Der schelmische Widerstand ist eine Nationaltugend der Tschechen, der brave Soldat Schweijk ihre ikonische Verkörperung. Auch das tschechische Kino feierte seine größten Triumphe in dieser Rolle: Von einem kurzen Frühling für einen Augenblick beflügelt, kamen die subversivsten Komödien plötzlich aus Prag; Filmemacher wie Milos Forman ("Der Feuerwehrball"), Vera Chitlilová ("Tausendschönchen") und Jirí Menzel ("Liebe nach Fahrplan") nutzten die Gunst der Stunde und wagten sich vor bis an die äußersten Grenzen ihrer unverhofften Freiheit.

Später, als die Freiheit tatsächlich eingezogen war, schien dieser Mut zur Avantgarde nur schwer wieder zu erwecken. Menzels neuster Film "Ich habe den englischen König bedient" wirkt hingegen wie ein echter Nachzügler zu dieser wunderbaren Gruppe von Filmen. Wie bei seinen frühen Erfolgen verfilmte er einen Roman von Bohumil Hrabal. Ihr gemeinsamer Film "Lerchen am Faden", der wegen seiner Stalinismuskritik 1969 verboten worden war, bei seiner späten Premiere 1990 aber einen Berlinale-Bären gewann, markierte einst auch das Ende des filmischen Prager Film-Frühlings.

Gespenstische Farce

Die Hauptfigur, ein von unerschütterlichem Ehrgeiz geprägter Kellner namens Díte (was in der Landessprache "Kind" bedeutet"), hat zwar ebenfalls den Schalk im Nacken, vor allem aber ist er ein hemmungsloser Opportunist und Mitläufer. Der Filmanfang aus der Zeit der ersten Tschechischen Republik in den 1920er Jahren lässt zwar erahnen, was auch in einer gerechten Welt aus ihm geworden wäre. Wirklichen Erfolg aber verschafft ihm erst das erfindungsreiche Mitläufertum in der Zeit der Nazi-Okkupation. Der Hitlergruß geht ihm leicht von der Hand, und die Heirat mit einer strammen Sudetendeutschen (großartig: Julia Jentsch) lässt ihn sein tschechisches Herz zeitweilig sogar vollkommen vergessen.

Hier nun beginnt der gespenstische Teil dieser Farce um die Schrecken des übereifrigen Opportunismus. Der frisch gebackene Hotelier engagiert sich in einer SS-Fortpflanzungseinrichtung namens "Lebensborn". Und reicht zugleich einem deportierten jüdischen Freund ein Stück Brot zwischen die Gitterstäbe. Nach dem Krieg verschafft ihm das gestohlene Briefmarkenalbum eines ermordeten Juden vorübergehenden Wohlstand. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein und er wandert für 15 Jahre in den Knast.

Volkstümlicher Surrealismus

Der Film erzählt diese Geschichte in Rückblenden aus einem Gefängnis. Menzels schwarze Komödie überführt Hrabals Farce streckenweise in die Ebene jener ureigenen Spielart des Surrealismus, wie er in Prag in den Sechziger Jahren seine weltweit wichtigste Zuflucht fand. Es war ein volkstümlicher und vor allem sinnlicher Surrealismus, der sich weit in Richtung der in Prag ebenfalls einflussreichen erotischer Kunst öffnete. So wagt "Ich habe den englischen König bedient" sogar den Schlenker in die Sphäre der Sexklamotte - und kommt damit sogar durch: Es gab einige Komödien über die NS-Zeit in den letzten Jahren, doch meist verloren sie wie Dani Levys "Der Führer" über ihre Gags auch oft die Notwendigkeit, genügend Dämpfer einzubauen, aus den Augen.

Der heute 70-jährige Menzel zeigt sich in diesem Spätwerk so virtuos wie in seinen besten Tagen, doch er überzeugt auch als Feuerwehrmann seines eigenen Gag-Feuerwerks. Es genug Schreckliches darin, dass man seinen Film, über den man streckenweise Tränen lacht, schließlich sogar beklommen verlassen kann. In Tschechien brach er Kassenrekorde.

Ich habe den englischen König

bedient, Regie: Jirí Menzel, Tschechien/Slowakei 2006, 120 Minuten.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  21 | 8 | 2008
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