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Film

04. Januar 2017

Kino: Lesben für Männer

 Von 
Angemessene Tätigkeit einer jungen Erbin: Malen.  Foto: Koch Films

Park Chan-wooks „Die Taschendiebin“ ist ein zwiespältiger Erotik-Thriller nach einem Roman von Sarah Waters.

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Es kommt nicht oft vor, dass sich Autoren von den Verfilmungen ihrer Werke distanzieren. Ernest Hemingway ließ es meist gar nicht dazu kommen; er schaute sie sich gar nicht erst an. Als die britische Autorin Sarah Waters allerdings sah, was der koreanische Meisterregisseur Park Chan-wook aus ihrem Roman „Solange du lügst“ gemacht hatte, fand sie die Bezeichnung „nach dem Buch von“ nicht mehr angemessen; „inspiriert durch“ wäre doch treffender, bemerkte sie freundlich. So steht es nun im Vorspann des Zweieinhalbstundenfilms, der 2016 in Cannes Premiere feierte. Tatsächlich verlegte der Filmemacher das Setting ihres historischen Krimis um die Intrige einer Hausangestellten vom viktorianischen England ins japanisch besetzte Korea der 30er Jahre.

Diebin als Dienstmädchen

Der Handlungsidee blieb er freilich treu: Ein Heiratschwindler hat es auf das Vermögen einer (nunmehr japanischen) jungen Erbin abgesehen. Getarnt als falscher Graf schleust er eine Diebin als Dienstmädchen ein. Sein Ziel: das Opfer nach der Heirat für verrückt erklären zu lassen und in eine Anstalt zu stecken. Als sich zwischen den Frauen jedoch unerwartet eine erotische Beziehung Bahn bricht, ändern sich auch die Parameter des geplanten Verbrechens.

Chan-wook wurde mit ans Surreale grenzenden Horrorphantasien wie „Oldboy“ bekannt. Hier schwelgt er im Pomp klassischer Ausstattungsfilme, ein Schick, der freilich immer wieder an die aufwändigen Softpornos der 70er und 80er Jahre erinnert. Die damaligen Verfilmungen von „Lady Chatterleys Liebhaber“ oder „Die Geschichte der O.“ waren sehr erfolgreich darin, ein Massenpublikum zu erobern – nur die Filmkritik brachten sie kaum auf ihre Seite. In den Sexszenen verfällt Chan-wook, wenn man so will, selbst in den falschen Glanz des Trickbetrügers in seiner Geschichte: „Lesbians for Men“ nannte kürzlich ein Bildband jenes Genre, mit dem man es hier zu tun hat: Wie sich Kim Min-hee als Miss Hideko und und Kim Tae-ri als Hausmädchen vor der Kamera räkeln, dürften sich vor allem Heteros angesprochen fühlen. Natürlich wäre es ungerecht, nun auch den anderen Attraktionen dieses Films zu misstrauen.

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Da ist zunächst die schöne Überraschung, die Geschichte nach einem Drittel noch einmal von neuem erzählt zu bekommen, nun aus Sicht des Opfers: Eine Vorgeschichte des Missbrauchs tut sich auf, wenn die Japanerin als Mädchen dazu gezwungen wird, vor alten Männern aus pornographischen Geschichten vorzulesen; schwelgerisch blättert der Regisseur dazu in den berühmten Farbholzschnitten, die sie ursprünglich illustrierten. Ein unbestrittenes Glanzlicht dieses ebenso ambitionierten wie doch immer wieder geschmäcklerisch ästhetisierenden Films ist seine Filmmusik. Cho Young-wuk ist ein verführerisches Thema gelungen in der Tradition des Liebesfilm-Romantikers Francis Lai.

Wer es gut mit diesem Film meint, findet genug Kunst darin, um den Kitsch in seine Schranken zu weisen. Interessant ist dieser nationale Blockbuster (dort sahen ihn mehr als vier Millionen) aber vor allem in der koreanischen Filmgeschichte. Was Park Chan-wook aus der Vorlage gemacht hat, erscheint wie ein weiteres Remake von „The Housemaid“ („Hanyo“, 1960), dem größten Filmklassiker des Landes. Die Geschichte des geknechteten und gleichwohl bedrohlichen Hausmädchens wird traditionell als Metapher der Unterdrückungsgeschichte der Nation durch die Japaner gesehen. Kein Wunder, dass die Autorin Sarah Waters ihr „period piece“ nicht wiedererkannte: Durch die Verlegung ins Korea der Besatzungszeit wird dieses Filmmotiv, das die koreanische Filmgeschichte so sehr prägte, mit seinen historischen Wurzeln kurzgeschlossen. Grund genug, diesen elegischen Erotikthriller bei all seinen Problemen interessant zu finden.

Die Taschendiebin. Korea 2016. Regie: Park Chan-wook. 145 Min.

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