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Kinofilm „Ich reise allein“: Papa, ist Proust dein Freund?

Ernsthaft, aber dennoch leicht: der norwegische Vaterschaftsfilm „Ich reise allein“ von Stian Kristiansen

Die siebenjährige Charlotte hat die verlorene Zeit mit ihrem Vater gefunden.
Die siebenjährige Charlotte hat die verlorene Zeit mit ihrem Vater gefunden.
Foto: Neue Visionen

Die Norweger sind momentan recht fortpflanzungsfroh. Ob aus Leichtsinn oder strategischer Weitsicht, bleibe hier mal dahingestellt. Jedenfalls wird die Dreikind-Familie mehr und mehr zur Norm. Schon jetzt bekommen die Norwegerinnen im Durchschnitt zwei Kinder.

Die Demoskopen erwarten für das Jahr 2012 bei der Einwohnerzahl den Durchbruch zur Fünfmillionenmarke. Neben Irland, Island und Frankreich wird Norwegen dann zu den kinderfreundlichsten Ländern Europas gehören.

Simulierte Sterblichkeit

Aber erstens war das nicht immer so, und zweitens sind nicht alle Norweger gleich. Der Film „Ich reise allein“ von Stian Kristiansen führt zurück ins Jahr 1997, als Kinder noch mit Tamagotchis spielten: digitalen Ersatzhaustieren mit simulierter Sterblichkeit.

Die Tamagotchis der Akademiker hießen damals Dekonstruktivismus, europäische Ethnologie und Pop-Diskurs. Das war chic in den Universitäten, Theatern und Feuilletons. Und in diesem intellektuellen Cliquen-Chic der Welt von gestern gefällt sich auch Jarle Klepp (Rolf Kristian Larsen), Student der Literaturwissenschaft an der Universität Bergen.

Er besucht Seminare über „Körperlichkeit und Karneval“ beim schwedischen Professor Robert Göteborg, den er wegen seiner steilen Thesen ziemlich toll findet, dann aber als „Derrida-Schwanz“ beschimpft, als er ihn in vereinigter Körperlichkeit mit seiner Freundin Herdis (Ingrid Bolsø Berdal) erwischt. Jarle besäuft sich an Bier genauso maßlos wie an Kulturtheorie. Und das führt zu einem Verlust dessen, was Menschen ohne intellektuellen Chic einfach „Wirklichkeit“ nennen.

Loses Verhältnis

Diese Wirklichkeit holt Jarle ein in Gestalt der siebenjährigen Charlotte Isabel (Amina Eleonora Bergrem), die seine Tochter ist, von der er bislang nur nichts wusste. Ein Vaterschaftstest beweist jedoch, dass sich diese Wirklichkeit nicht dekonstruieren lässt. Charlottes Mutter Anette (Marte Opstad) ist als Neuntklässlerin auf einer Party geschwängert geworden vom volltrunkenen Jarle, der schon damals zur Körper- und Wirklichkeit ein loses Verhältnis gehabt haben muss.

Jetzt findet Anette, Kassiererin in einem Supermarkt, dass es an der Zeit ist, Jarle für sein Kind sorgen zu lassen. Sie schickt es ihm, alleinreisend, mit dem Flugzeug nach Bergen und fährt ihrerseits in den Urlaub.

Dem Regisseur Stian Kristensen und dem wendigen, gut verknappenden Drehbuchautor Tore Renberg ist es gelungen, einen leichten und keineswegs polemischen Film über ein ernstes Thema zu machen: Ein Vater findet keine gemeinsame Sprache mit seinem Kind und entwickelt kein Einfühlungsvermögen für dessen Bedürfnisse.

Dabei geht es nicht darum, Jarle lächerlich zu machen nach dem alten Klischee des weltfremden Philosophen. Seine Theorieverliebtheit und sein Lebensentwurf sind nämlich alles andere als weltfremd – sie entsprechen dem, was die Welt gerade fordert. Am Ende wird Jarles Aufsatz über „Körperlichkeit bei Marcel Proust“ im Feuilleton der führenden Tageszeitung gedruckt.

Brüchigkeit der Familienbindungen

Jarle ist also im Prozess der kulturellen Evolution ein Mann mit Züchtungsvorteil. Er hat sich seinen Zugang zu den Organen der öffentlichen Meinungsbildung erkämpft. Die Brüchigkeit der Familienbindungen, die Jarle durch seinen Lebensstil bejaht, ist ein Zeichen dieser Zeit und hat nämlich auch Anette erfasst, deren geistiger Horizont ein anderer ist. Sie lebt in Scheidung.

Der siebenjährigen Tochter wird nun abverlangt, den biologischen Vater, den Mann der Mutter sowie die Freundin des Vaters irgendwie unter einen Hut zu bringen und zu verstehen, was das heißt: „Mutter liebt Vater nicht mehr, mag ihn aber noch“. Die kleine Charlotte wächst dabei über sich hinaus und kann zum Schluss ihren Vater so tief erschüttern, dass er vermutlich sein Leben umlenken wird. Der berühmte Romantitel von Marcel Proust spricht dabei als letztes Wort, eher beiläufig, ein Urteil über Jarles bisherige Biografie und gibt ihr für die Zukunft eine Richtung: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Ich reise allein (Jeg reiser alene)

Norwegen 2011. Regie: Stian Kristiansen, Drehbuch: Tore Renberg, Kamera: Philip Øgaard, Darsteller: Rolf Kristian Larsen, Amina Eleonora Bergrem, Ingrid Bolsø Berdal, Trine Wiggen, Marte Opstad u. a.; 94 Minuten, Farbe. FSK o. A.

Autor:  Jan Brachmann
Datum:  29 | 12 | 2011
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