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Film

28. Juli 2010

Kinostart "Das Konzert": Die Unvollendete

 Von Daniel Kothenschulte
Anne-Marie Jacquet (Mélanie Laurent), die schöne Violinistin, birgt ein Geheimnis.  Foto: Verleih

Die französische Tragikomödie „Das Konzert“ ist eine Hommage an die vergessenen Wunder des Sowjetkinos. So leichtgängig dieses musikalische Melodram daher kommt, so feinsinnig reflektiert es das vergangene Unterhaltungskino der Sowjetzeit. Selbst der Rot-Grün-Stich ist liebevoll getroffen.

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Musik, sagt Dirigent Andreij Filipow, ist der wahre Kommunismus. Ein Orchester, das gemeinsam etwas Großes schafft. Der unwahre Kommunismus meint es hingegen weniger gut mit dem einstigen Chefdirigenten des Bolschoi-Orchesters. Der Held der Komödie „Das Konzert“ hat seinen Job in der Breschnewzeit verloren, weil er sich geweigert hat, jüdische Musiker zu entlassen. So ist Tschaikowskys schwieriges Konzert für Violine und Orchester für ihn zur Unvollendeten geworden: ein letzter verhinderter künstlerischer Triumph und ein moralischer Sieg, über den er sich niemals freuen konnte.

Abgestiegen zum Hausmeister des Bolschoi fällt ihm eines Tages ein Fax in die Hände, noch bevor sein Direktor es gesehen hat. Das Pariser „Théâtre du Châtelet“ sucht kurzfristig Ersatz für ein ausgefallenes Gastspiel eines amerikanischen Orchesters. Filipow sieht augenblicklich die Chance seines Lebens und sagt zu. Sein Name hat im Ausland noch immer einen guten Klang. Endlich wird er seinen Tschaikowsky zu Ende dirigieren. Doch erst einmal muss er die alte „Band“ zusammentrommeln. Und dann den versprengten Haufen ohne ordentliche Visa nach Paris bekommen. Ob ihm noch irgendein Wohlklang zu entlocken sein wird?

Vielleicht ist ja das Kino der wahre Kommunismus: eine Summe aus Einzelkünsten und zusammen etwas Großes. So leichtgängig und scheinbar konventionell dieses musikalische Melodram daher kommt, so feinsinnig reflektiert es das vergangene Unterhaltungskino der Sowjetzeit. Selbst der Rot-Grün-Stich des russischen Farbmaterials wurde liebevoll getroffen. Allerdings merkt man diesem Kinohit aus Frankreich in der Synchronfassung wohl kaum noch an, dass ihn der rumänienstämmige Regisseur Radu Mihaileanu weitgehend auf russisch drehte. Glücklich, wer in seinem Kino eine der drei untertitelten Filmkopien erwischt.

Man liebte im alten Ostblock diese Art von Verwechslungskomödien, vielleicht weil ihre verwegenen Entwicklungen geheime Ausbruchsträume nährten. Einer der schönsten Sowjet-Filme überhaupt ist „Lustige Burschen“, Grigori Aleksandrovs Komödie aus dem Jahre 1934. Ein Hirte wird darin für einen Orchesterchef gehalten. „Das Konzert“ dreht diese Ausgangslage um, wenn er einen einst gefeierten Maestro als Putzmann im Chefzimmer des Bolschoi-Theaters einführt. Von Anfang an steckt in diesem Film genau die richtige Mischung aus Slapstick und Sentiment, und es ist verdammt schwer, diese Dosierung zu beherrschen. Für den Slapstick sorgen die hinreißend versoffenen Musiker, für das Sentiment eine betörende Solistin. Denn Filipow hat den Parisern eine Bedingung gestellt. Als Violinistin kommt für ihn nur der Pariser Konzertstar Anne-Marie Jacquet in Frage. Schnell ahnt man, dass es in Filipows tragischer Biografie noch weitere unvollendete Wege geben muss. Worin aber die Beziehung zu der jungen Französin liegen mag – im Film verkörpert von der bezaubernd resoluten Mélanie Laurent aus Tarantinos „Inglourious Basterds“ – darüber lässt uns Radu Mihaileanu kunstvoll lange im Dunkeln.

Aber auch das Politische ist hinreißend getroffen. Der russische Kulturbetrieb wirkt auf dekadente Art kommerzialisiert. Und auch das westliche Konzertgeschäft zeigt sich nicht gerade im besten Licht, wenn die Pariser versuchen, am billigen Ost-Import gehörig zu verdienen. Doch die Satire dominiert nie über das Gefühl.

Wer die sentimentale Wucht auch vieler romantischer Komödien aus der späten Sowjetzeit kennt, freut sich über diese neuerliche „Ironie des Schicksals“. Aber auch ganz unabhängig von diesen Bezügen staunt man, wie souverän hier Witz und Pathos in einander fließen. Wahrhaft chaplinesk, ist „Das Konzert“ einer dieser ganz wenigen Filme, die einen mit einem lachenden und einem weinenden Auge nach Hause schicken.

Bis zum furiosen Finale, dass dieser Film unseren Erwartungen natürlich nicht schuldig bleibt, sind alle Wendungen offen. Zu den ersten Takten krächzt es grausam aus dem Orchestergraben. Doch dann erklingt die Musik des Kinos. Und eine virtuose Montagesequenz trägt nach, was bis dahin nur in Andeutungen erzählt worden war: Eine Liebesgeschichte, so großartig und pathetisch wie sie ein Tschaikowski verdient.

Das Konzert, Regie: Radu Mihaileanu, F/B/I/RO 2009, 119 Minuten.

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