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Kluges "Nachrichten vom Tausendfüßler": Der Lust ins Ohr gebissen

Kluges Film "Nachrichten vom Tausendfüßler" lehrt uns allerlei Tierheiten. Der Regisseur verzichtet weitgehend auf neue Bilder. Im Vordergrund steht, wie wir unserer Liebe im Kino gewahr werden können. Von Natalie Soondrum

Szene aus  Intolerance. Vom Kampf der Liebe..., 1916.
Szene aus "Intolerance. Vom Kampf der Liebe...", 1916.
Foto: dctp

Wer sich ernsthaft einem Kinobesuch aussetzt, stellt fest, dass das Filmerleben seinen Geschmack, oder vielmehr seinen Nachgeschmack, mehrfach ändert. Die erste Reaktion ist große Emotion, die nur die Kinoleinwand auf diese Weise herzustellen vermag. Die Bilder, die einen aufsaugen, Lust, Angst und Schmerz ganz vehement auslösen können. Am nächsten Morgen denkt man über die eigene Reaktion nach und freut sich, weil der Film einen zurecht zu diesem oder jenem Echo verführt hat. Oder aber, man ärgert sich, dass man dem Film und der eigenen Emotion auf dem Leim gegangen ist.

Als ich nach der Premiere von Alexander Kluges Film "Nachrichten vom Tausendfüßler" im Filmmuseum in Frankfurt am nächsten Morgen aufstand, war ich sauer. Ich erinnerte plötzlich, dass Helge Schneider und Niklas Luhmann interviewt worden waren mit Mikro im Bild und aus einer gehörigen Distanz. Aber Hannelore Hoger war die Kamera so nahe gerückt, richtig unanständig auf den Leib. Jede Gefühlsregung hatte man ihrem Gesicht ablesen können, wie wenn man den Atem einer Person ganz dicht neben sich auf der Haut spürt.

Der Film

Nachrichten vom Tausendfüßler: Der Film liegt als DVD in dem Buch von Alexander Kluge: Das Labyrinth der zärtlichen Kraft. 166 Liebesgeschichten. Suhrkamp Verlag. 26,80 Euro.

Ganz unerhört fand ich, dass ich abends zuvor so hingerissen gewesen war, immer schön mitgelacht und mitgeschauert hatte. Solch ein Schaf war ich.

Aber mir blieb einige Tage Zeit, noch weiter an dem Film herumzudenken, und mir fielen weitere Details ein. Gleich der zweite in der Girlande von 21 Kurzfilmen (im Filmmuseum lief eine gekürzte Fassung) zeigt einen Ausschnitt aus D.W.Griffiths "Intolerance. Vom Kampf der Liebe durch die Jahrtausende" von 1916. Das Bergmädchen und der sie längst verehrende Babylonier kommen sich näher. Zur reichen Körpersprache, die den Stummfilm prägte, kommt die für Griffith-Filme typische Beweglichkeit der Schauspielerin, die aufspringt, durch das Bild schnellt und ihren Verehrer am Arm zieht. Im Überschwang beißt sie einer Geiß ins Ohr, dass das Tier einen Satz macht.

Später taucht das Geißen-Thema wieder auf: Eine Serie von Titeln, auf denen die Schrifttypen sehr lebendig herumtanzen, buchstabiert ein Nietzsche-Zitat: "Die Lust ist eine Ziege, deshalb muss eine höhere Cultur dem Menschen ein Doppelgehirn, gleichsam zwei Hirnkammern geben, einmal um Wissenschaft, sodann um Nicht-Wissenschaft zu empfinden: nebeneinander liegend, ohne Verwirrung trennbar." Sonst führten Illusion, Irrtum und Phantastik geradewegs in den Ruin der Wissenschaften und zum Zurücksinken in die Barbarei.

"Nachrichten vom Tausendfüßler" verzichtet weitgehend auf neue Bilder. Vieles kommt einem bekannt vor: Fernsehinterviews, Szenen aus Kluges "Die Patriotin" und die Vergewaltigung aus "Die Macht der Gefühle". Im Vordergrund steht das Verfahren, wie wir durch das Medium Film/Kino unserer Liebe gewahr werden können.

Im Interview mit Luhmann ist die Rede von seinem Beobachter zweiter Ordnung, der die Alltagsliebe prägt: Wir beobachten, wie wir von unserem Gegenüber beobachtet werden. Beim Nachhausekommen stürmt der Ehemann nicht zuerst ins Arbeitszimmer, weil er weiß, dass die Ehefrau das als Vernachlässigung empfände, also begrüßt er sie zuerst.

Kluge nimmt als Regisseur selbst die Haltung des Beobachters zweiter Ordnung an, legt sie auch dem Zuschauer nahe. Besonders in den Opernszenen, in die er uns nie hemmungslos hineingleiten lässt. Er zeigt die Oper als Fernsehbild, wiederholt steht der Monitor neben einem Filmprojektor. Das Medium schiebt Kluge bewusst zwischen den Betrachter und die Emotionen, die das Betrachten auslöst.

Kluge sorgt für viele kleine Störungen, damit wir aufmerken. Damit wir nicht vergessen, dass wir im Kino sitzen, dass wir mehr als Tiere sind, aber erst Menschen werden müssen und dass wir in dem Maße liebesfähig sind, in dem wir uns und die Welt um uns herum reflektieren können.

Das erinnert an den Film "Comizi d´amore", Gastmahl der Liebe (1964). Pasolini befragt darin Italiener zu ihrer Liebe und Sexualität. In der Schluss-Einstellung küsst sich ein junges Brautpaar im Close Up und Pasolini sagt im Off: "...euch sei Glück gewünscht, dass sich eurer Liebe das Bewusstsein eurer Liebe hinzufüge".

Autor:  Natalie Soondrum
Datum:  21 | 9 | 2009
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