Selten überwindet ein Filmtitel so reibungslos Sprachgrenzen wie "Die Kunst des negativen Denkens". Man muss nicht Norwegisch können, um den ironischen Charme von " Kunsten å tenke negativt" schon vom Klang her intuitiv zu erfassen. Was dieser Film verspricht, ist die Antithese zum Mantra der Küchenpsychologie, dem Appell zur moralischen Selbstaufrüstung. In die Sprache der Filmgenres übertragen heißt dieses Mantra "Feel-Good-Movie": Gerade im sogenannten Art-House-Kino haben aufbauende Geschichten derzeit Hochkonjunktur. Eine "Feel-Bad-Komödie" nennt Regisseur Brad Beien dagegen seine in nur 79 Minuten rasant ausgespielte, abgründige Farce über eine aus den Fugen geratene Gruppentherapie für Behinderte und ihre Lebenspartner.
Ein lustiger Film gegen die gute Laune sollte es sein, als solcher wurde er verstanden und prämiert auf Festivals von Karlsbad bis Lübeck. Im koreanischen Pusan wurde der komische Aspekt der Tragik ebenso verstanden wie in San Sebastian und Montreal. Wenn das jedoch beim deutschen Kinostart in dieser Woche nicht so sein sollte, darf man dafür einmal nicht den "German sense of humor" verantwortlich machen.
Die Synchronfassung hat den Charakter dieses Films so radikal verändert, wie man es seit den siebziger Jahren nicht mehr erlebt hat, als ernste Italo-Western mit Blödeldialogen in die deutschen Kinos kamen. Nur ist es diesmal umgekehrt: Was im Original aberwitzig und ironisch klang, erscheint nun bierernst, und was spontan und ekstatisch über die Rampe kam, wirkt nun bemüht und bedeutungsschwer. Wie schwer ist es, ein Kammerspiel so zu inszenieren, dass es nicht theatralisch wirkt! Die schlecht geführten deutschen Sprecher nageln es dagegen wieder fest auf jene Bretter, die in diesem Fall nicht mehr die Welt, sondern den filmischen Tod bedeuten. Man muss kein Meister des negativen Denkens sein, um sich die Weisheit der übereifrigen Psychologin Tori in der Geschichte zu eigen zu machen, die mit solch handfesten Weisheiten wie "Kleine Veränderungen bewirken große Veränderungen" in die Therapiegruppe kommt: Die Kleinigkeit einer ausgetauschten Tonspur hat den ganzen Film ruiniert.
Die Handlung beschränkt sich auf 24 dramatische Stunden nach der Ankunft der Therapiegruppe im Haus eines nach einem Unfall querschnittgelähmten Enddreißigers (Fridtjov Saheim), der sie wahlweise mit zynischer Abwehr, prall gestopften Joints oder geladenen Schusswaffen empfängt. Alles Schönreden seines Schicksals empfindet er als Banalisierung, alle Anteilnahme als persönlichen Angriff.
Niemand wird ihn davon abbringen, seine Zeit lieber Kriegsfilmen und Johnny Cash zu widmen als einer ihn nach wie vor liebenden attraktiven Ehefrau, die er nicht mehr sexuell befriedigen kann: "Ich mag keine Frauen", sagt er knapp, "die auf Krüppel stehen." Alle Dramatik, aber auch alle bittere Komik dieses Films resultiert aus der inneren Konsequenz dieser Figur, die nach und nach alle Gäste weniger vergrault als aus der Reserve lockt. Unter die Haut geht vor allem Marian Saarstad Ottesens Verkörperung einer bis zum Hals gelähmten Schönheit, die unter dem selbst auferlegten Zwang zum positiven Denken auch jede Fähigkeit zur direkten Gefühlsäußerung begraben hat. Ausgerechnet dem gastgebenden Griesgram gelingt es, ihr diesen Zahn zu ziehen. "Ist das etwa ihr echtes Lachen?", wird ihr ungläubiger Lebensgefährte entgeistert aus dem Nebenzimmer fragen.
Doch wie immer man diesen Film beschreiben möchte, es ist nicht mehr möglich, sich in der ohne jede klangliche Atmosphäre aufgenommenen Billig-Synchronisation jenen Film vorzustellen, der bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck mit dem Hauptreis ausgezeichnet wurde. Aus der Feel-Bad-Komödie ist ein ebenso schlecht gelauntes Drama geworden. Für den Kritiker bleibt nur die Erinnerung an ein Kinoerlebnis, das den meisten Zuschauern in Deutschland wohl vorenthalten bleiben wird - es sei denn, ein Kino bestellte sich gegen jeden Trend vom Verleih eine untertitelte Kopie.
"Die Kunst des negativen Denkens",
Regie und Buch: Brad Beien.
Norwegen 2006, 79 Minuten.