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Film

06. März 2008

Kopfüber weht die Fahne

 Von HEIKE KÜHN
Vorbildlich frustrierte Ehe: die Deerfields, Susan Sarandon und Tommy Lee Jones.  Foto: Verleih

"Im Tal von Elah" von Paul Haggis und mit dem großen Tommy Lee Jones stellt Amerika vor Gericht

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Bevor Hank Deerfield sich zu einer langen Reise aufmacht, um seinen Sohn Mike zu suchen, hält er am Fahnenmast seiner Stadt, um Hand an die Heimat zu legen. Ein Mann in Uniform, der Amerika vielleicht nicht so lange gedient hat wie der Vietnamveteran Hank, hat die Fahne verkehrt herum aufgezogen. Für Hank ist das eine Frage der Ordnung und Ehre: Eine Fahne, die Kopf steht, signalisiert den Ausnahmezustandes eines Landes. Nichts, was Hank nicht bereinigen könnte.

Noch glaubt Hank, dessen Sohn nach 18 Monaten aus dem Irak zurückgekehrt und seitdem spurlos verschwunden ist, an die Selbstheilungskräfte Amerikas. Mögen ihm Mikes Vorgesetzte auch bedeuten, dass sein Sohn als Deserteur gelte, Hank will es richten, den Jungen finden und wieder auf die Beine stellen.

Wie er sein Bettzeug drillt

Tommy Lee Jones, dessen Rolle als Retter der amerikanischen Integrität sich mit jeder seiner Charakterfalten von Film zu Film vertieft, spielt den Mann der Grundsätze mit gewohnt zurückgenommener Mimik. Drehbuchautor und Regisseur Paul Haggis, der nach "L.A.Crash" mit seinem zweiten Film "Im Tal von Elah" abermals dem Zerstörungspotenzial des amerikanischen Traum nachspürt, verzichtet auf jede Erklärung. Die Dinge, an denen seine exzellenten Darsteller sich auf- und ausrichten, führen ein Eigenleben. Wie Tommy Lee Jones den Spiegel seines Motels zum Gradmesser einer drakonischen Gepflegtheit macht, wie er sein Bettzeug drillt und im Gespräch mit seiner Frau Joan (groß in einer kleinen Rolle: Susan Sarandon) den Telefonhörer als ungehörigen Mitwisser auf Abstand hält, das alles bezeugt Hanks Selbstverleugnung. Stets darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen, ist Hank ein begnadeter Fährtenleser. Ihm fällt auf, was die Militärpolizei verbergen möchte und die örtliche Polizei nicht sieht.

Charlize Theron spielt Detective Emily Sanders, eine alleinerziehende Mutter, die sich mit Hank auf die unbequeme Suche nach der Wahrheit macht. In ihrer Behörde ist sie eine Lachnummer, weil sie sich Zeit für die Verstörten und Außenseiter nimmt, etwa für die Frau eines ehemals im Irak stationierten Soldaten, der seinen Hund ertränkt hat. Wozu einen Mann ernstnehmen, der seinen Schäferhund tötet? Eingreifen darf sie erst, als die Frau des Ex-Soldaten mit Würgemalen in der Badewanne liegt.

Aufgeschreckt durch ihre eigene Gleichgültigkeit, beginnt Sanders dem hartnäckig forschenden Hank mehr Glauben zu schenken. Wieder kommt sie zu spät, doch die Zeichen übersehen, das will sie nicht mehr. Ihrem kleinen Sohn erzählt Hank die Geschichte von David und Goliath, die sich im Tal von Elah zugetragen hat. Elah ist in Israel und überall, wo der Krieg nach jungen Leuten verlangt, die sich gegen übermächtige Aufgaben stellen. Hank wird seinen Sohn finden und heimkehrend die Flagge eigenhändig neu aufziehen. Kopfüber weht sie am Ende im Wind und kündet von Amerikas Not und Niederlage.

Eine wahre Geschichte um einen Soldaten, der den Irak-Krieg, nicht aber die seelische Verwahrlosung seiner Kameraden überlebt, hat Paul Haggis zu einem Film inspiriert, der keine Urteile fällt, keine Losungen ausgibt, keine Antworten hat. Eine ungeheure Zärtlichkeit schreibt jede Figur in unsere Köpfe und Herzen ein, sei es den raubeinigen Hank, der seinen Sohn aus Starrsinn dem Militär verpflichtet hat, seien es die zeitgenössischen Davids, die den Riesen nicht umbringen konnten und ihre Wut, ihre Waffen, ihre Hybris in ihr Heimatland zurücktragen. Auf Mikes Handy findet Hank Aufnahmen von Einsätzen, die in Schreien und Trümmern, Rauch und Gewehrsalven, den falschen und den vermeintlich richtigen Toten die Grenzen zwischen Terror-Bekämpfung und Terror verwackeln. Wer will schon wissen, dass der eigene Sohn im Wirrwarr der Bomben und Schuldzuschreibungen zum Sadisten werden kann?

Krieg in der Zivilgesellschaft

Mit Hank, der seine Vietnam-Traumata mit messerscharfen Bettfalten und einer vorbildlich frustrierten Ehe besänftigt, geht die Selbstgewissheit der Ordnungsmacht Amerika unter. Der Krieg überschreitet die Grenzen, er macht vor der Zivilgesellschaft nicht halt. Die Dimension dieses Films, der seine Figuren unter Schmerzen liebt und in jeder Brutalität das Kind wiederfindet, das einmal war, sprengt ästhetische Komponenten und politische Räson. Die hohe Kunst des Erzählens, Weglassens und Zusammenfügens allein erklärt dieses Wunder nicht. Die Schauspieler spielen, als hafteten sie mit ihrem Leben, als stünde Amerika vor Gericht, als seien seine Kinder die Richter und Henker.

Im Tal von Elah, USA 2007, 121 Min.

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