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Film

27. Juli 2010

Leonardo DiCaprio in "Inception": Träume sind Räume

 Von Daniel Kothenschulte
"Inception": Die Trennung zwischen Traum und Wachzustand ist in diesem Film nicht klar gezogen.  Foto: Warner Bros.

Christopher Nolans Mysterythriller „Inception“ ist in dieser Saison der Ausnahmefilm aus Hollywood. Auf den ersten Blick ein Genre-Blockbuster.

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Der Film

Inception, Regie: Christopher Nolan, USA 2010, 148 Minuten.

In einer Folge der nach ihm benannten Fernsehserie macht sich Spongebob Schwammkopf einen Spaß daraus, durch die Träume seiner Freunde zu geistern. Recht schamlos delektiert er sich an ihrem Seelenkino, doch die Schlafenden stören sich gewaltig an ihrem Zaungast. Und kaum dass sich Spongebob endlich seinen eigenen Träumen widmet, kreuzen sie dort auf und gehen ihm gemeinsam auf die Nerven.

Wer hätte gedacht, dass die naive Neugier, ohne Psychologiestudium in fremde Träume einzudringen, einen ganzen Kinofilm wert wäre? Noch dazu ein ernstes Drama im Gewand eines Wirtschaftskrimis? Und zwar nicht etwa als surreale Phantasie eines David Lynch sondern als logisch aufgebauter Mysterythriller, der nichts dem Zufall überlässt?

Christopher Nolans „Inception“ ist in dieser Saison der Ausnahmefilm aus Hollywood. Auf den ersten Blick ein Genre-Blockbuster mit nicht weniger Computeranimationen als „Harry Potter“ – und dennoch ein Film, der all diese Mittel nutzt, um eine Geschichte zu erzählen, die nur im Kino denkbar ist.

Leonardo DiCaprio spielt Cobb, einen Juwelendieb der Informationsgesellschaft: Er dringt in Träume ein, um wertvolle Geheimnisse zu stehlen. Nun heuert ihn ein Milliardär an, um das Gegenteil zu versuchen. Er soll im Traum eines konkurrierenden Milliardärs einen fremden Gedanken infiltrieren. Eine Idee, so perfide, dass sie ihn dazu bringt, sein eigenes Firmenimperium zu zerschlagen. Doch die Abwehrinstinkte im Unbewussten sind enorm. Wie in der Trickfilmserie aus Bikini Bottom haben die Schlafenden nämlich eine Immunabwehr gegen fremde Ideen. Also muss der Einfall so gut erfunden sein, dass ihn das Opfer für seinen eigenen hält.

Dass dieser Schlüssel in einem unaufgearbeiteten Vater-Sohn-Konflikt liegt, ist das einzige Abgestandene an diesem Film. Alles andere an diesen packenden 148 Filmminuten ist erfüllt von einer Originalität, die nicht der bloße Reiz des Neuen ist, sondern die Schönheit perfekt ausgedrückter Gedanken.

Es gibt im Kino unendliche Möglichkeiten, Träume darzustellen. Manchmal bettet man sie in weiche Watte, manchmal in harte Schatten, wie es Salvador Dalí tat, als er am Hitchcock-Film „Ich kämpfe um dich“ arbeitete. Das Fernsehen zeigt sie gern Schwarzweiß, der moderne Film betont naturalistisch: wie sie ja auch den Träumenden meist sehr reell erscheinen. Christopher Nolan hatte einen anderen Einfall. Für ihn ist das Typische am Traum das veränderte Empfinden für Raum und Zeit. Und einen Traum in einem Traum inszeniert er folglich wie eine animierte Architekturphantasie von Piranesi.

Und weil Träume eben komplexe Bauten sind, engagiert Manipulator Cobb eine junge Architektin (Ellen Page aus „Juno“), um Strukturen zu schaffen, die logisch erscheinen, weil sie ihre Fehler wie in einem Vexierbild in einer falschen Perspektive verstecken.

Diese Kunst mit anzusehen, ist allein einen Kinobesuch wert. Doch Nolan hat nicht zehn Jahre an diesem Drehbuch gearbeitet, um es bei einer visuell opulenten Reise im Schiff der Träume zu belassen. Wer sich in die Träume eines anderen begibt, muss selber träumen. Doch Cobb ist traumatisiert von einer familiären Tragödie, die ihn auch im Wachzustand heimsucht. Was ist für ihn real, was ist verdrängte Erinnerung?

Erst allmählich ahnt man, dass die Trennung zwischen Traum und Wachzustand in diesem Film nicht klar gezogen ist. Nolan schreibt die Geschichte des postmodernen Kinos weiter, das in Fantasy-Blockbustern wie „Total Recall“ und „Strange Days“ mit einem in Verruf geratenen Wirklichkeitsbegriff spielte. Sein eigenes Frühwerk „Memento“ über einen Mann ohne Erinnerung setzte im Jahr 2000 einen intelligenten Punkt hinter dieses Kapitel Filmgeschichte. Damals begann er mit dem Schreiben von „Inception“.

Selten hat ein Filmemacher so ausdauernd an seiner Selbstverwirklichung gearbeitet. Mit dem visionären Batman-Film „The Dark Knight“ erkaufte er sich schließlich jenen unbeschränkten Kredit, den man in Hollywood nur für einen Sensationserfolg bekommt.

Seit dem amerikanischen Kinostart am 16. Juli haben die Nutzer der renommierten „Internet Movie Database“ „Inception“ zum drittbesten Film aller Zeiten gewählt. Das ist hoch gegriffen: 33 Plätze vor „Citizen Kane“, 40 beziehungsweise 98 Plätze vor den Filmklassikern, denen er am meisten schuldet: „Vertigo“ und „Blade Runner“. In beiden Filmen gingen Psychologie und Architektur sinnstiftende Verbindungen ein.

Vielleicht mag man sich wundern, dass „Inception“ nicht auch noch ein 3D-Film ist. Tatsächlich aber führt er noch in eine weit interessantere Dimension. Für die junge Architektin – nicht von ungefähr trägt sie den Namen Ariadne – ist das Eindringen in die Geheimnisse der fremden Seele ein Rausch mit Suchtgefahr. Und wie beim Blockbuster des letzten Jahres, James Camerons „Avatar“, liegt darin auch eine Beobachtung über die mediale Gegenwart: In modernen Online-Rollenspielen kann man sich schon heute bis zur Unkenntlichkeit in fremden Träumen verlieren.

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