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Film

30. März 2016

Lichter Filmfest: Die Freuden des „Schönismus“

 Von 
In der nordkoreanischen Textilfabrik.  Foto: farbfilm verleih GmbH

Eine Dokumentation über Nordkorea deutet das Elend des Landes nur an, wirkt aber dennoch authentisch.

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In den Nachrichten erscheint Nordkorea als das kleine abgeschottete Land am Rand der Welt, das bloß immer wieder mit militärischen Drohungen auf sich aufmerksam macht. Filme und Bücher zeichnen das Bild eines humorlosen wie menschenverachtenden Regimes. Die aus Südkorea stammende Filmemacherin Sung-Hyung Cho mit deutschem Pass eröffnet eine andere Perspektive. In ihrer Dokumentation „Meine Brüder und Schwestern im Norden“, die am Dienstag beim Lichter Filmfest in Frankfurt Weltpremiere gefeiert hat, zeigt sie zunächst die buchstäblich blühenden Landschaften der unberührten Natur und dann, dass dort auch Menschen leben, die lachen, spielen und ins Freibad gehen.

Obwohl die Interviewpartner – Bauern, Textilarbeiterinnen, Soldaten, ein Bademeister und ein Künstler – vom Regime ausgesucht wurden, hinterlassen sie zwar einen geschönten, aber nicht unauthentischen Eindruck. Im Gegenteil: die Menschen können noch so oft lächeln, ihre Durchhaltepropaganda wiederholen und ihre Führer andächtig loben, es bleibt genug Raum, in dem sich die Diktatur selbst entlarvt. Ein Besuch in einer Textilfabrik zeigt, wie die perfide Doktrin der ständigen Selbstoptimierung fürs Gemeinwohl zwar Sinn zu stiften scheint, aber auch, dass sie genauso die Menschen ausbeutet wie der kapitalistische Imperialismus, vor dem sich das Regime zu schützen behauptet, von dem es zugleich aber abhängig ist. Wie etwa beim Export von Kleidung. Oder beim Import von Technik.

Es mangelt am Nötigsten

Die üppig wirkenden Gärten der Bauern können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es am Nötigsten mangelt. Man kocht mit Methangas, gewonnen aus den eigenen Exkrementen; wenn zu wenig Strom da ist, schaltet man den Schwarzweiß- statt den Farbfernseher an. Die ausgemergelten Körper der meisten Menschen zeugen davon, dass die Reisschüsseln nicht immer so voll sein können, wie sie für die Kamera aufgetischt werden. Unglaubwürdig hört es sich an, wenn ein Offizier behauptet, die Bauern bekämen eine Tonne Reis pro Jahr. Der einzige Übergewichtige in diesem Film ist der Künstler, der Propagandabilder von lächelnden, fleißigen, hübschen Koreanerinnen malt. Schöner als die Realität, gibt er zu, und nennt das „Schönismus“.

Regisseurin Sung-Hyung Cho zeigt das alles, ohne zu kommentieren oder zu werten, sie stellt viele, auch kritische Fragen und lässt ihre Interviewpartner antworten, ohne dass sie sie zu peinlichen Diskussionen zwingt. Und das ist auch nicht nötig. Auch so wird die Absurdität der Widersprüche deutlich: der Protz der Architektur in der Hauptstadt, die verfallenden Gebäude in anderen Orten, das kärgliche Leben auf dem Land, wo noch Traktoren fahren, die man per Handkurbel starten muss.

Selbst wenn in jedem Lied der Kim-Clan beweihräuchert wird, äußern die Untertanen, wenn auch nicht offene Kritik so doch wenigstens die Hoffnung auf bessere Zeiten: die Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit dem offiziell verfeindeten Südkorea und einer besseren wirtschaftlichen Situation. Bis dahin bleibt ihnen bloß der „Schönismus“. Und uns ein differenziertes Bild von diesem seltsamen Nordkorea.

Lichter Filmfest: bis 3. April im Mousonturm Frankfurt. www.mousonturm.de

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