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Literaturverfilmung: "Die Stadt der Blinden"

Fernando Meirelles' Leinwand-Adaption von "Die Stadt der Blinden" - immerhin der berühmteste Roman des Literatur-Nobelpreisträgers José Saramago - enttäuscht.

Manche Literaturverfilmungen verführen einen gerade durch ihre Belanglosigkeit zum Lesen. "Das kann doch nicht alles gewesen sein", denkt man sich trotzig und greift zum Buch, um diese Hoffnung zu bestätigen. Bei Fernando Meirelles' Leinwand-Adaption von "Die Stadt der Blinden" - immerhin der berühmteste Roman des Literatur-Nobelpreisträgers José Saramago - wird es wahrscheinlich nicht einmal dazu reichen. Alles, was man in Saramagos Roman an Preiswürdigem vermutet: stilistisches Feingefühl, erzählerische Virtuosität und handwerkliche Meisterschaft, findet sich auch in Meirelles' Film - genutzt hat es aber leider nichts.

Im pulsierenden Verkehr einer Großstadt wird einem Autofahrer plötzlich weiß vor Augen. Und da ihn auch hartnäckiges Hupen nicht wieder sehend macht, fährt ein Passant den Hilflosen nach Hause und nimmt zum Abschied dessen Auto mit. Lange kann sich der Dieb allerdings nicht seines "Lohns" erfreuen: Er wird das zweite Opfer einer schnell um sich greifenden Epidemie, deren mit weißer Blindheit geschlagene Opfer erst in einer verlassenen Heilanstalt kaserniert und schließlich sich selbst überlassen werden.

Fernando Meirelles und sein Kameramann César Charlone finden eindrucksvolle Bilder für Saramagos moderne Endzeit-Fantasie, doch sobald sie das allegorische Territorium der Heilanstalt betreten, ist ihre ganze Kunstfertigkeit nur noch die Hälfte wert. Hinter den Mauern übernimmt der "Herr der Fliegen" das fadenscheinige Regiment in Saramagos Geschichte, nur dass die Erwachsenen erwartungsgemäß Kultur und Zivilisation noch gründlicher hinter sich lassen als William Goldings Inselkinder und entsprechend tiefer sinken.

So schmerzhaft die folgende Herrschaft der Starken und Rücksichtslosen über die Schwachen anzusehen ist, ihr erzählerischer Mehrwert geht annähernd gegen Null und wird auch durch die erbauliche Moral des Endes nicht wesentlich aufgewertet. Im Grunde möchte man das Ganze weder sehen noch erzählt bekommen. Wie man hört, hat sich José Saramago lange gegen die Verfilmung seines Romans gesträubt. Nicht lange genug.

Die Stadt der Blinden, Regie: Fernando Meirelles, Kanada / Brasilien / Japan 2008, 120 Minuten.

Autor:  MICHAEL KOHLER
Datum:  23 | 10 | 2008
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