Als der Junge das erste Mal auf der Leinwand zu sehen ist, lachen einige Kinder im Kinosaal. Der Protagonist des iranischen Films "Babak - Zeit zu lieben" ist körperlich behindert. Seine Hände und Arme gehorchen ihm nicht, er geht unsicher auf den Innenseiten seiner Füße und fällt immer wieder hin. Manche Zuschauer zwischen acht und zehn Jahren verstehen die Situation anfangs nicht. In das Kichern hinein ruft ein Schüler: "Das ist doch überhaupt nicht lustig!"
Der Film des Regisseurs Ebrahim Forouzesh über den behinderten Babak ist tatsächlich keine leichte Kost. Das wird den jungen Zuschauern bald klar, und auch die Älteren im Saal zeigen sich hinterher bewegt. Denn der behinderte Babak hat in seiner iranischen Mittelstandsfamilie einen schweren Stand: Der Vater setzt durch, dass Babak vor der Außenwelt versteckt wird, der jüngere Bruder Afshin schämt sich für Babak und schlägt ihn, die Mutter steht überfordert zwischen allen.
In Frankfurt läuft noch bis Sonntag das 32. internationale Kinderfilmfestival Lucas 2009. Eine Woche lang werden Wettbewerbsbeiträge gezeigt, dazu kommen weitere Filme außerhalb der Konkurrenz sowie Kurzfilme.
Filmemacher aus Asien, Afrika und Nordamerika sind zu Gast und beantworten die Fragen der jungen Zuschauer. Schulklassen besuchen die Filme. Die Schüler können in einem interaktiven Bereich selbst kleine Zeichentrick-Frequenzen drehen.
Schauspieler sprechen die Dialoge der ausländischen Filme live nach, damit die jungen Zuschauern die Handlung besser verfolgen können und nicht allein auf die Untertitel angewiesen sind.
Förderung bringt Qualität
Durch einen Zufall und die Hilfe von Außenstehenden erkennt jedoch auch der Vater, dass Babak intelligent ist und die Schule besuchen sollte. So endet der Film nach vielen emotionalen Momenten hoffnungsvoll.
Aber ist dieser Film eigentlich ein Kinderfilm? Wo ist der Unterschied zu einer Produktion für Erwachsene? "Der Kinderfilm hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert", sagt Petra Kappler, die Leiterin des Filmfestes. Früher seien Kinder einfach als Kinder dargestellt worden, mit Kinderproblemen und Kinderdialogen. "Kinderfilme müssen aber nicht gaga sein", meint Kappler. Der moderne Kinderfilm habe eine ganz andere Ästhetik als die Streifen der 1970er Jahre. Heute würden Kinder als junge Persönlichkeiten mit ernst zu nehmenden Wünschen und Sorgen gezeigt. Es bleibe die Perspektive des Kindes und der Anspruch, dass der Film für Kinder verständlich ist. Kinderkram ist der Kinderfilm längst nicht mehr.
In Skandinavien wird die Produktion von Kinderfilmen stark gefördert. Das zeigt sich in der Umsetzung, beispielsweise beim dänischen Festivalbeitrag "Der Fluch der Wikingerhexe". Technisch aufwändig, mit Tricks, mittelalterlichen Schauplätzen, Kostümen und einer Prise Action wird die Geschichte zweier Geschwister erzählt, die mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen. Sie wollen einem Mann helfen, der mit dem Fluch der Unsterblichkeit belegt ist, der aber endlich alt werden will und ein Leben führen wie alle anderen Menschen. Das Spielfilmdebüt des dänischen Regisseurs Mogens Hagedorn ist ein spannendes Abenteuer, das gleichzeitig über die dänische Geschichte informiert und der philosophischen Frage nachgeht, ob ewiges Leben wirklich wünschenswert ist.
Große Leinwandkunst wird ebenso in den Kurzfilmen gezeigt. Manche kommen ohne viele Worte aus, weil Kameraperspektiven die Dialoge ersetzen. Des Öfteren sind junge Außenseiter die Helden der Geschichten. Und die Hauptdarsteller im Kindesalter überzeugen. So erzählt der britische Kurzfilm "Hammerhai" die Geschichte von Boris, der sich damit abfinden muss, dass die Eltern sich getrennt haben und seine Mutter nun eine Freundin hat. Mit einer Mischung aus Rebellion und Humor reagiert er auf die verwirrende Situation und bringt mit seiner Mimik das ganze Kino zum Lachen.
Doch auch den deutschen Kinderfilm sieht Festivalleiterin Kappler insgesamt auf einem guten Weg. Dass Regisseure wie Detlev Buck mittlerweile Kinderfilme drehen, zeige die wachsende Bedeutung. Für Produzenten stellten Kinderfilme leider weiterhin ein Risiko dar: Nur in Ausnahmen wie dem Film "Die wilden Kerle" komme es zum Kassenerfolg. Jener Film sei allerdings auch aufwändig produziert und vermarktet worden. Dafür stelle die deutsche Filmförderung leider nicht genügend Geld zur Verfügung, kritisiert Kappler.
Circa 400 Filme haben die Festivalmacher des Lucas gesichtet und daraus zehn Filme und 15 Kurzfilme für den Wettbewerb ausgewählt, die allesamt erstmalig in Deutschland zu sehen sind. Damit am Ende nicht ein Film gewinnt, der eher die Erwachsenen begeistert als die Kinder, ist die Preisjury neben den fünf erwachsenen Experten auch mit fünf Schülern aus dem Rhein-Main-Gebiet besetzt. Die Zehn- bis Zwölfjährigen stimmen gleichberechtigt darüber ab, welche Filme gewinnen. Eins ist jetzt schon klar: Es wird eine sehr schwierige Entscheidung.