"Vele" werden die Wohnblöcke in Scampia genannt, deren Betonterrassen wie steinerne Segel aufsteigen. Ihre heruntergekommene, monströse Architektur ist authentisch und zugleich hochsymbolisch. Unter der Fuchtel der kampanischen Camorra leben die Bewohner in festgefahrenen Verhältnissen. Der Wind der Veränderung weht hier nicht. "In gewisser Weise", schreibt der italienische Regisseur Matteo Garrones im Presseheft zu seinem Film "Gomorrha", sei es sein Ziel gewesen, "Situationen zu stehlen und in den Film zu übertragen".
Schon die Art und Weise, wie Garrone die furchterregenden Gänge der im Mittelpunkt von sechs Geschichten stehenden Vele filmt, die labyrinthische Bauweise in menschliche Verstrickungen überführt, bezeugt die Radikalität seines visuellen "Diebstahls": Gleichermaßen von Dichtung und Wahrheit genährt, liefert "Gomorrha" Ansichten einer Auflösung, die von Neapel aus ganz Italien vergiftet.
Auf den Decks der Vele halten kleine Jungen Wache. Lange, bevor die Polizei die Festung der Camorra erreicht, sind die Drogen, die der größten Mafia-Organisation Italiens täglich 500 000 Dollar einbringen, verschwunden. Einmal beobachtet der dreizehnjährige Totò, wie es einem Dealer gelingt, vor seiner Verhaftung ein Päckchen Heroin auf eine der zahllosen Stahltrassen zu schleudern. Totòs Vater sitzt für den Clan der Scissionisti di Seondigliano im Gefängnis. Wie beinahe alle Bewohner der Vele, die Söhne oder Ehemänner geopfert haben, bekommt auch Totòs Mutter eine monatliche Unterstützung von "ihrem" Clan.
Die Ungeniertheit, mit der "Verdienstausfall" oder "Rente" von den Bezugsberechtigten reklamiert werden, macht klar, dass die Camorra den Staat ersetzt. Natürlich erzählt der Film, der sich auf die aufsehenerregenden Recherchen von Roberto Saviano ("Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra", erschienen im Carl Hanser Verlag) beruft, auch von brutal mordenden Clanchefs, Waffenhandel, Prostitution und Drogenfabriken. Doch der größte Schock der ästhetisch und ethisch komplex verzahnten Geschichten geht von der totalen Verfügbarkeit aus, die vom Opa bis zum Enkel, von der Hausfrau bis zur Inhaberin eines winzigen Lebensmittelgeschäfts jedem abverlangt wird. An dieser schrankenlosen Macht teilzuhaben, ist der Traum der jungen Leute. Totò liefert seinen Fund dem "falschen" Clan aus und wird mit einem Initiationsritus, der den Horizont seiner Zukunft absteckt, bei den Rivalen der väterlichen Verbindung aufgenommen. Geschützt durch eine kugelsichere Weste, muss der Junge einer fingierten Hinrichtung standhalten. Sein Einstand wird es sein, eine Vertraute ans Messer zu liefern. Man ist dafür oder dagegen. Oder man ist nicht.
Atemberaubend, roh und kompromisslos wechselt der Film von der mikrokosmischen Perspektive der jüngsten Rekruten und niedrigsten Dienstleister zum Makrokosmos nationaler Verwüstung. Vom so genannten U-Boot Don Ciro, der als Buchhalter der Camorra Unterhaltszahlungen überbringt und den Höllenkreis der Selbstaufgabe aus dem Innersten kennt, bis zu den Feldern Kampaniens, auf denen in krebserzeugender Weise Giftmüll gelagert wird, lässt der Film keinen Lebensbereich aus. Selbst die Alta moda, die Haute Couture Italiens, hängt von Mafia-Krediten ab und refinanziert kriminelle Unternehmungen.
Jede Szene, jeder Schauplatz ist so reich an überwältigenden Bildern, die aus phänomenologischer Distanz ins Poetische und Metaphorische wachsen, dass für den Film ein neues Genre erfunden werden müsste. Ein Mafia-Film ist das nicht, dazu ist die Kritik an der populären Verherrlichung der Film-Paten zu beißend. Zwei junge Außenseiter, die sich keinem Clan fügen wollen und als Autodidakten alle Seiten berauben, imitieren mit Feuereifer Brian de Palmas Film "Scarface". Wie Tony Monatana alias Scarface wollen sie sein, ein Mythos von Skrupellosigkeit und mörderischer Erotik. Die verfetteten Clanbosse haben mit den schmächtigen Waffenfetischisten, die gegen das System der geordneten Ausbeutung rebellieren, nur kurze Zeit Geduld. Man muss sehen, mit welchen buchstäblich filmreifen Finten die Nachwuchsmafiosi beseitigt werden, um den hypnotischen Sog dieses Films zu verstehen.
Ist das nun semidokumentarisch, wenn aus gegebenen Fundstücken ruinierter Landschaften und Lebensweisen gleichzeitig Inbilder zerrütteter Seelen aufsteigen? Eher schon ist das visionär zu nennen. Im Epilog werden noch ein paar Daten nachgeholt: 4000 Morde in dreißig Jahren, 14 600 Meter illegal verbuddelter Giftmüll - ein seiner Schönheit und seines Stolzes beraubtes Land.
Gomorrha, Regie: Matteo Garrone, Italien 2008, 135 Minuten.