Ein Mann zieht mit seinem weißen Esel bedächtig durch einen märchenhaften wunderschönen Wald mit beeindruckend hohen Bäumen. Immer wieder schaut er nach oben, bis er schließlich vor einem der Waldriesen stehen bleibt. Aus einem Korb nimmt er ein Seil und wirft es etliche Meter hoch über einen der weit oben beginnenden Äste, prüft die Festigkeit und beginnt entlang des Stammes den Aufstieg in schwindelerregende Höhen. Bevor er sein Ziel erreichen kann, lässt ihn jedoch ein bedrohliches Knacken auf halber Strecke innehalten, und die Kamera wendet sich von ihm ab. Yakup ist Imker, und sein Leben im Nordosten der Türkei besteht wesentlich aus dieser traditionellen, aber eben auch sehr gefährlichen Gewinnung von Honig.
Semih Kaplanologus „Bal“ (Honig) ist der letzte Teil seiner Yusuf-Trilogie, in der er sich nach „Yumurta“ (Ei) und „Süt“ (Milch) der Figur des Imkersohns, des hier siebenjährigen Yusuf, chronologisch rückwärts gehend nähert. In „Bal“ ist der türkische Regisseur in der Kindheit Yusufs angekommen. Yusuf lebt mit Vater und Mutter in einem kleinen Dorf auf einem einfachen Gehöft an den steilen Hängen des Schwarzmeergebirges. Es ist sehr still in dem Haus, höchstens flüsternd kommuniziert Yusuf, der in der Dorfschule kaum ein Wort gerade herausbringt, dort mit seinem Vater.
Es herrscht ein wortloses Einvernehmen zwischen beiden, wenn sie gemeinsam arbeiten oder zu Tisch sitzen. Besonders im Wald scheint die Aufmerksamkeit der beiden auf die vielstimmige Natur gerichtet. Ehrfürchtig begegnet Yusuf dem wesenhaften Wald und seinen Geheimnissen. Dem ernsten Jungen folgen wir so durch das dichte satte Grün, bewundern wie er die handwerklichen Fertigkeiten des Vaters und bangen mit ihm, als dieser auf der Suche nach den verschwundenen Bienen nicht heimkehrt.
Wirkt „Bal“ mit seinen langen ruhigen Einstellungen ohnehin schon ein wenig aus der Zeit gefallen, ermöglicht die Perspektive des Kindes vollends die Aufhebung zwischen realer und erlebter Zeit – Traum und Wirklichkeit fließen übergangslos ineinander.
So undurchdringlich und mystisch der Wald bleibt, so selten ermöglicht die Kamera einen orientierenden Blick, der Yusufs Erleben und Handeln aus einer übergeordneten Warte heraus einordnen ließe oder restlos verstehbar machen würde.
Und wenn hier schon die Bilder Eindeutigkeit verweigern, gilt das umso mehr für die gesprochene Sprache, der Kaplanologus als Mittel der Weltaneignung so wenig zu vertrauen scheint wie sein stotternder Yusuf, für den jede Lesestunde in der Dorfschule eine Erniedrigung bedeutet.
Ein kleines Wunder ist ganz sicher der junge Bora Altas als Yusuf, der dem handlungsarmen und fast dokumentarischen „Bal“ ganz ohne jede musikalische Hilfestellung einen zutiefst melancholischen Reichtum verleiht. Nie wirkt der staunende Blick des achtjährigen Darstellers aufgesetzt, mit bemerkenswerter Ruhe und Konzentration imaginiert er mit sparsamen mimischen Mitteln für uns eine Welt, die noch nicht restlos entzaubert ist.
Von berührender Schönheit ist eine Szene, in der Yusuf, während er noch auf die Rückkehr des Vaters hofft, lange den sich spiegelnden Vollmond in einer Wasserschüssel betrachtet, die Verzerrungen, die ein leichter Windhauch verursachen kann, bis die beruhigte Wasseroberfläche schließlich wieder einen perfekten Mond abbildet.
Singt Semih Kaplanoglu in „Bal“ einerseits das hohe Lied der Spiritualität, verfolgt er andererseits konkrete politische Ziele mit dem Film. Denn die beeindruckenden Wälder und ihre traditionelle Bewirtschaftung sind durch Staudammprojekte für die Stromgewinnung in ihrer Existenz gefährdet, wie er bei seiner Dankesrede für den Goldenen Bären bei der diesjährigen Berlinale betonte. Mit dem verwunschenen „Bal“ hat er dieser vom Verschwinden bedrohten Welt wohl auf ganz reale Weise geholfen, indem er ihr eine größere Öffentlichkeit schaffen konnte. Nicht nur die Waldgeister werden es ihm danken.
Bal – Honig, Regie: Semih Kaplanoglu, Türkei/Deutschland 2010, 104 Minuten.