Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

07. September 2009

Michael Moore: Ein neues Stück Agitprop

 Von Daniel Kothenschulte
Erkennen Sie die Ironie: Der Kapitalismus ist ab sofort Michael Moores katholische Lovestory.  Foto: verleih

"Capitalism - A Love Story": Michael Moore hat die Signale für die Filmvölker am Lido unüberhörbar gemacht. Doch das Fass des Christentums hätte er lieber nicht geöffnet. ( Mit Video) Von Daniel Kothenschulte

Drucken per Mail

"Arise ye workers from your slumbers" Man hatte sie lange nicht mehr gehört, die "Internationale", und erst recht nicht mit amerikanischem Zungenschlag zu lässigem Bigband-Swing. Die Aufforderung zum Mitklatschen ist überflüssig am Ende von Michael Moores neuem Stück Agitprop, betitelt in selbstredender Ironie "Capitalism - A Love Story": Zwei Stunden lang hat der Filmemacher die Signale auch für die Filmvölker am Lido unüberhörbar gemacht. Wäre er am Ende der Vorführung mit roter Fahne vor der Leinwand erschienen, man wäre sicher noch bis nach draußen auf die Straße marschiert, wo ein Teppich in der gleichen Farbe liegt. Warum nicht weiter?

Michael Moore erzählt in der ersten Hälfte des Films mit mitreißender Emphase, wie Franklin D. Roosevelts soziale Utopien nach dem Krieg zu Grabe getragen wurden und schließlich in der Reagan-Ära einem enthemmten Gewaltkapitalismus wichen. Dass er die von beiden Präsidenten in die Höhe getriebene Staatsverschuldung nur dem letzteren anlastet, mag man ihm ob der guten Sache willen noch verzeihen. Immerhin nahm es FDR ja durchaus mit einem Spitzensteuersatz von 90 Prozent von den Reichen, um es den Armen zu geben. Und allein die hinreißend ausgewählten historischen Werbespots, mit denen Moore seine flammende Rede illustriert, sind die Eintrittskarte wert - darunter etliche mit dem Hauptdarsteller Ronald Reagan.

Die buntfarbigen Fundstücke passen zu Moores hübschen autobiographischen Einlagen, 8mm-Aufnahmen eines etwas pummeligen Jungen aus dem Städtchen Flint in Michigan. Man glaubt gern, dass der aufgeweckte Sechsjährige des Jahres 1960 Priester werden wollte, und irgendwie ist er das ja auch geworden. Doch Moore meint es ernst mit seinem Outing als gläubiger Katholik. Die christliche Leere ist die allumfassende Klammer seines anti-kapitalistischen Manifests.

Zwei Priester und einen Bischof bietet Moore auf, die ihm gerne bestätigen, dass der Kapitalismus eine Sünde vor dem Herrgott sei. Um auch der letzten Reihe klarzumachen, wie sehr die calvinistisch-protestantische Doktrin am Geist des Neuen Testaments vorbeigeht, hat er einen Schnipsel aus einem Jesus-Film umsynchronisieren lassen, dessen Titelfigur nun monetäres Denken predigt. Nein, das passt gar nicht, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, eher geht sogar Michael Moore durch ein Nadelöhr, als dass dies zusammen passt.

Topverdiener in selbstverwalteter Firma

Wenn der Filmemacher allerdings in der zweiten Hälfte des Films den jüdischen Finanzguru Alan Greenspan als einen Hauptschuldigen an der Finanzkrise ausmacht, bekommt die Predigt über die Tempelreinigung einen unangenehmen Nachgeschmack. Moore ist gewiss weit davon entfernt, ein Antisemit zu sein, aber man wünscht sich, er hätte das christliche Fass lieber zugelassen.

Andere Stränge des Films sind dagegen durchaus tragfähig und immer wieder überraschend: Wer hätte gewusst, dass Piloten einer amerikanischer Fluggesellschaft mit Hungerlöhnen abgespeist werden, während die Arbeiter einer selbst verwalteten Brotfabrik hunderttausend Euro im Jahr verdienen?

Finster ist Moores Enthüllung über die gängige Praxis großer US-Konzerne, heimlich Lebensversicherungen für ihre Mitarbeiter abzuschließen, die allein den Firmen zufallen? Wirklich wertvoll, so Moores bittere Botschaft, ist ein Arbeiter oder Angestellter erst, wenn er tot ist. Auch andere Episoden lassen dem Zuschauer vor Wut die Haare zu Berge stehen: etwa die über einen bestechlichen Richter, der Jugendliche unschuldig hinter Gitter bringt, um einen privat betriebenen Jugendknast zu füllen.

Deutschland dagegen steht als ruhmreiches Gegenbeispiel da: Als ein Land, in dem die Autowerke ihre Arbeiter zu Miteignern machen und es - wie angeblich überall in Europa - ein verbrieftes Recht auf Arbeit gebe. Moore, der als Filmerzähler sentimentaler sein kann, als es Frank Capra und die Regisseure der Roosevelt-Ära je gewesen sind, nimmt sich viel Zeit für Tränen. Etwas arg viel: Für die Schreckensmomente der Zwangsgeräumten ebenso wie die Glücksgefühle der Obama-Wahlkämpfer. Moore hat nicht den leisesten Zweifel daran, dass Obama den Banken nicht wie Bush noch Steuermilliarden in den Rachen werfen könnte. Sein Wort in Gottes Ohr.

"Kapitalismus ist ein Übel", sagt der Filmemacher am Ende, und um nicht ganz in der linkesten Ecke dazustehen, fügt er hinzu: Der Segen heiße Demokratie. Aber spricht hier nicht der selbe Michael Moore, der sich für seine Interviews bezahlen lässt wie ein Filmstar? Ins Schmunzeln kommt man schon, wenn man das führende US-Branchenblatt Variety aufschlägt und dort auch "Capitalism - A Love Story" zunächst auf seine Verkäuflichkeit hin untersucht wird.

Der Film sei einer von Moores besten, heißt es dort anerkennend, nur komme er zum falschen Zeitpunkt. Wer in den USA wolle denn noch von der Finanzkrise hören? Jetzt, da sich Obama abmüht, seine versprochene Gesundheitsreform durchzusetzen, wäre man mit Moores Krankenfilm "Sicko" weit besser bedient. Doch der floppte ja schon vor zwei Jahren in den Kinos.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Anzeige

Filmtipps
Medien