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Film

20. Januar 2016

Nachruf auf Ettore Scola: Das Politische ist das Private

 Von 
Ettore Scola 1982 bei einem Pressetermin in Cannes.  Foto: afp

Sein Name verbindet sich mit stillem, einfühlsamen, sozialkritischen Kino: Mit Dutzenden Filmen hatte der italienische Regisseur Ettore Scola internationalen Erfolg. Nun ist er im Alter von 84 Jahren gestorben.

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In den 50er Jahren, einem Jahrzehnt, in dem zumindest für europäische Cinephile das Italienische Kino als das Innovativste der Welt galt, begann Ettore Scola seine Karriere in den Mühlen der Unterhaltungsindustrie.

1953 kam er als Drehbuchautor nach Cinecittà und schrieb wie viele andere junge Talente Komödien am Fließband. Sie hießen „Canzoni, Canzoni, Canzoni“, „Zwei Nächte mit Kleopatra“ oder „Ein Haus voller Unschuldslämmer“. Doch wann immer man heute sieht, was damals in Masse produziert wurde, kann man nur staunen, wie viel Lebendigkeit und Lebensnähe da wie selbstverständlich von der Stange kam. Und wie leichthändig sich soziale Beobachtungen in die Fiktionen mischten. Die „Unschuldslämmer“ in der von Giorgio Bianchi inszenierten Komödie waren zum Beispiel Strafgefangene, deren Geschichten, einfühlsam erzählt von einem Wärter, sich zu einem Patchwork liebevoller Miniaturen fügten.

Episodenfilme waren eine besondere Spezialität des italienischen Kinos, und Ettore Scola tat mit dieser Konvention, was Künstler, die in Industrien arbeiten, gerne tun: Er nutzte das Diktat des Genres als Schlupfloch zum Experimentieren.

Nino Manfredi, Francesco Anniballi, Maria Bosco in „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“, 1976.  Foto: Imago

In seinem Regiedebüt „Frivole Spiele“ besetzte er die Hauptrollen aller acht Episoden mit Vittorio Gassman – jeweils als ein anderer Frauenheld. Nur der in Italien noch lange lauteste Balzruf im öffentlichen Straßenbild bleibt stets derselbe – eine sonore Autohupe. Dass der Originaltitel „Se permettete parliamo di donne“ („Lasst uns über Frauen sprechen“) zugleich vorgab, es ginge primär ums andere Geschlecht, war natürlich blanke Ironie. Und doch verbarg sich in den turbulenten Geschichten ein satirischer Blick auf die Nachkriegsgesellschaft, in dem sich bereits der hellwache politische Chronist späterer Jahre zu erkennen gab. Das vom Wirtschaftswunder beflügelte Italien offenbarte einen enthemmten Sittenwandel, den der Filmemacher lustvoll aufs Korn nahm – was lediglich die kirchliche Filmkritik bedauerte: Für den katholischen Filmdienst war die „Gier nach geschlechtlicher Vereinigung“ das einzige Thema des „in jeder Beziehung minderwertigen Films.“ Scola selbst fand ihn gelungen, und der Erfolg eröffnete ihm alle Türen, seinen Blick auf die italienische Gegenwart und Geschichte in immer anspruchsvolleren Autorenfilmen zu erproben.

Zehn Jahre später begegnet uns Vittorio Gassman an der Seite von Stefania Sandrelli, Nino Manfredi und Stefano Satta Flores wieder in Scolas Politdrama „Wir waren so verleibt“. Die drei Männer spielen Partisanen, die ihre Ideale einer sozialistischen Gesellschaft im Nachkriegsitalien nicht verwirklicht sehen. Während Gassmans Filmfigur im Schlepptau eines korrupten Bauunternehmers Karriere macht, halten die Freunde an ihren Ideen fest. Bei einem Wiedersehen nach 25 Jahren verbirgt der Protagonist seinen sozialen Status. Auch wenn Scola ein wenig zu spät ins Regiefach wechselte, um den Neorealismus noch selbst mitzugestalten, erweist er sich als würdiger Erbe dieser Filmbewegung. Seinen Film widmete er Vittorio de Sica; die verdiente Anerkennung erfuhr er mit dem Hauptpreis beim Moskauer Filmfestival.

Ettore Scola im Jahr 2015.  Foto: dpa

Zwei Jahre später erhielt Scola in Cannes den Preis für die beste Regie für eine weitere politische Tragikomödie, die De Sica zur Ehre gereicht hätte, „Ein besonderer Tag“ spielt im faschistischen Italien des Jahres 1938 und zeigt Sophia Loren in einer ihrer anspruchsvollsten Rollen: Als etwas naive Ehefrau eines Faschisten, hält sie durch Zufall einen vom Regime verfolgten Nachbarn vom Selbstmord ab. Marcello Mastroianni offenbart sich ihr als homosexuell, gleichwohl schlafen sie miteinander, „doch das ändere nichts.“ Unter kunstvoller Verwendung historischer Radiokommentare und Kampflieder entwirft Scola ein beklemmendes und doch poetisches Bild vom verhinderten Leben in der Diktatur – und öffnet sich doch zugleich der Poesie gänzlich unverhoffter Glücksmomente. Nie wirkten Scolas politische Filme dogmatisch. Und umgekehrt konnte er – wie im wortlosen Tanzfilm „Le Bal“ – eine politische Geschichte Frankreichs aus der zeit von 1936 bis 1983 allein mit den Mitteln der Poesie erzählen. „Ich habe drei Themen vereint, die mich interessieren“, erklärte Scola dazu. „Die Zeit, die Einsamkeit und die persönliche Geschichte. Daraus ergibt sich dann die offizielle Geschichte.“ Das war Scolas größtes Talent: Alles Bedeutsame so subtil miteinander zu verweben, dass kein Anliegen das andere dominierte, und keine Form, kein Unterhaltungsanspruch und keine Botschaft einen Film ganz an sich reißen konnte. Ein Gegensatz zwischen Autoren- und Publikumskino ist bei Ettore Scola niemals zu entdecken, was ihn zu einem der populärsten Filmkünstler Italiens machte. Seine letzte, dokumentarische Arbeit war 2013 das Porträt des verehrten Kollegen Fellini – „Che strano chiamarsi Federico“.

Am Dienstag starb er 84-jährig in einem römischen Krankenhaus, nachdem er am Sonntag nach einer Herzoperation ins Koma gefallen war.

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