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Film

11. März 2016

Nachruf auf Ken Adam: Bauten für die Bösewichte

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Das Film-Design als Ausdruck der Zeit: Ken Adam in Berlin vor einem seiner Entwürfe.  Foto: imago/photo2000

Zum Tode des großen Filmarchitekten Ken Adam, der einst vor den Nazis flüchten musste und später Räume für James Bond und Dr. Seltsam entwarf.

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Der Krieg war kalt, aber auch manchmal ganz gemütlich. Wenigstens, wenn sich das Kino seinen eigenen Reim auf die Weltpolitik machte, bei James Bond oder Dr. Seltsam. Die verwegene Eleganz des Genrekinos der sechziger Jahre fand ihren Meister im Filmarchitekten Ken Adam. Seine Architektur übertrug ihre immanenten Spannungen auf die Geschichten, die in ihnen spielten. Der stilbildende Baumeister von sieben Bond-Filmen hatte noch die Bauhaus-Moderne aufgesogen, als sie aktuell war. Geboren 1921 in Berlin, musste er 1934 mit seinen Eltern vor den Nazis fliehen. Sein Engagement für „Dr. No“ sah er als Chance, die Filmarchitektur wieder zu vergangenen Höhen des Weimarer Kinos zurückzuführen.

„Die Idee war nicht das Design der ‚Bösen‘, sondern den ganzen Film als Ausdruck unserer Zeit zu entwerfen“, sagte Ken Adam einmal. „Seitdem ich in den Beruf eingestiegen war, hatte ich keinen Film gesehen, der unser neues Zeitalter reflektiert. Nichts Vergleichbares mit den 20er oder 30er Jahren, als Fritz Lang mit ,Metropolis’ oder Cameron Menzies mit ,Things to Come’ bekannt wurden.“

Adam erkannte intuitiv, dass Filmarchitektur den Zeitgeist verdichten und dabei auch die kollektiven Ängste verbildlichen konnte. So ist seine Lieblingskulisse in „Dr. No“ der mit bescheidenen Mitteln errichtete Tarantula-Raum in der imposanten Kommando-Zentrale des Schurken. Adam hatte sich bei Wissenschaftlern der Harvard-Universität einen Wasserreaktor erklären lassen, den er sogleich aufzeichnete. „Aber immer – ich hoffe doch – mit ein bisschen Humor im Ausdruck.“ In den sechziger Jahren gesellte sich zum Modernismus des American Style ein Element von lässiger Dekadenz hinzu, das uns noch heute in der Lounge-Kultur begegnet. Ken Adam verwendete reichlich Phantasie und noch mehr Spaß darauf, dies in seinen Kulissen auf die Spitze zu treiben.

„Da war immer ein ironisches Element“

Wie viel Freude es ihm machte, den Wahnwitz der Schurken in einer übersteigerten Moderne auszudrücken, ließ er noch im hohen Alter spüren. „Da war immer ein ironisches Element“, gestand er uns 2014 im Gespräch, „und das war ein Teil von mir. Ich dachte, das brauchte es. Ich will mich nicht pornografisch nennen lassen, aber wenn ich das Gefühl hatte, jetzt habe ich etwas Besonderes zu zeigen, dann war das schon wie ein sexueller Orgasmus. Das waren schon aufregende Zeiten. Es konnte natürlich auch böse sein, wenn einem nichts einfiel. Aber in aller Regel brauchte ich das nicht zu fürchten.“

Seine schönste Geschichte war die von Ronald Reagan, der sich gleich nach seinem Amtsantritt den aus Kubricks „Dr. Seltsam“ bekannten „War Room“ im Pentagon zeigen lassen wollte. Und enttäuscht feststellen musste, dass es den nur in Ken Adams Filmdesign gegeben hat. Selbst einen ehemaligen Filmstar hatte Adams Kulissenzauber täuschen können. Mit Stanley Kubrick, für den er auch „Barry Lyndon“ ausstattete, verband ihn eine enge Freundschaft: „Es war die meiste Zeit lustig“, erinnerte er sich, „allerdings musste ich immer die Ideen beisteuern. Man konnte nie zu ihm sagen: Stanley, bei allem Respekt, aber das geht nicht. Diese Antwort wurde nicht akzeptiert. So war das eine immense Bewährungsprobe. Bei unserem ersten Film, „Dr. Seltsam“ musste ich wirklich über mich hinauswachsen.“

Doch Ken Adam, der einer von drei deutschen Piloten bei der Royal Air Force gewesen war, blieb eben ein Abenteurer – auch als Filmarchitekt. Seinen wertvollen Nachlass schenkte er bereits zu Lebzeiten der Berliner Stiftung Deutsche Kinemathek, auch das Frankfurter Filmmuseum besitzt seine Werke. „Man kümmert sich hier einfach viel besser um die Sachen als es ein britisches Museum täte“, war die bescheidene Erklärung für die großzügige Stiftung. 2003 zum Ritter geschlagen, war Sir Kenneth Hugo Adam, der gebürtige Klaus Hugo Adam, seit 2012 auch Ehrenbürger von Berlin. Gestern starb er 95-jährig in London.

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