Seine Filmmusiken waren groß, aber niemals schwer. Selbst mit einem Wagner-Orchester behielten seine Melodien jene Leichtigkeit, die man eben braucht, um ein Kinopublikum an fremde Orte zu tragen. Als in den sechziger Jahren das epische Erzählkino mit der ganzen Leinwandbreite gegen die Macht des Fernsehens ankämpfte, füllten Maurice Jarres Kompositionen jeden Zentimeter davon aus. "Lawrence von Arabien", "Doktor Schiwago" oder "Ryans Tochter": David Leans späte melodramatische Ausstattungsfilme sind untrennbar von ihrer Filmmusik. Fast hat man den Eindruck, als bestimme weniger die präzise Regie als vielmehr der Taktstock des Komponisten am Dirigentenpult das Auf- und Abschwellen ihrer emotionalen Höhepunkte. So wie bereits die Ouvertüren dieser Filme den Eindruck vermittelten, dass den Zuschauer etwas Größeres als das gewöhnliche Leben erwartete, ließ sich dieses Erlebnis wiederholen: Wer sich eine Schallplatte mit Jarres Filmmusik auflegt, den katapultierte sie exakt an den Ort dieser überwirklichen Spektakel.
Sr. Schiwago, Maurice Jarre 1965
Maurice Jarre erreichte die musikalische Entsprechung von Monumentalität - und darin besteht seine historische Bedeutung - jedoch nicht allein durch das Handwerkszeug der Spätromantik. Seine melodisch geführten Kompositionen verließen sich nicht auf den gewaltigen Ernst, den Max Steiner und Erich Wolfgang Korngold für das klassische Hollywood durchgesetzt hatten. Jarre stand mit einem Fuß im Pop und zumindest einem Zeh in der Neuen Musik, deren elektronische Avantgarde er in der Sandsturm-Szene des "Lawrence" wirkungsvoll zitierte. Wer seine Arbeiten stilistisch einordnen will, endet bei der alten Frage, ob Mozart der unterhaltenden oder der ernsten Musik zuzurechnen sei.
Wie populär Jarre dabei wurde, dokumentiert ein bekannter Fernsehsketch von Dieter Hallervorden. Da verursacht jemand einen Stau, weil er jeden Autofahrer stoppt mit seinem verzweifelten Hilferuf: "Wie geht noch mal der Mittelteil von Doktor Schiwago?" Jeder Angesprochene nimmt das Problem gleichermaßen ernst. Schließlich ging es um "Lara's Theme", in mehreren Tausend Einspielungen einer der erfolgreichsten Evergreens. Dreimal wurde er für die opulenten Orchestermusiken der Lean-Filme mit einem Oscar bedacht. Gegen eine fremde Neuaufnahme protestierte er: Man habe nicht weniger als 30 Geigen eingespart.
Dissonanzen hörte man bei ihm selten - und wenn, dann eher an ungewohnter Stelle wie im Melodram "Ghost - Nachricht von Sam". Selbst als ihn Volker Schlöndorff für "Die Blechtrommel" um ein Fortissimo zur Untermalung einer Szene bat, die den Anschlag auf ein jüdisches Geschäft zeigt, fand Jarre eine harmonischere Alternative: Im zarten Chopin-Walzer, den er wählte, verwies er zugleich auf die polnische Nationalität des Ladenbesitzers.
Pionierarbeit
Zu Unrecht wurde Jarre eine Überdimensionierung des Klangkörpers vorgeworfen. Durch überraschende Tonartwechsel erfahren seine markanten Themen aber oft jene Brechungen, die erst aufhorchen lassen. Lean ermunterte ihn, den sinfonischen Klangkörper durch ethnische Instrumente zu erweitern - eine Pionierarbeit, die zur Gestalt gegenwärtiger Filmmusik beigetragen hat.
Obwohl Jarre für viele der bedeutendsten Regisseure seiner Zeit arbeitete - darunter Visconti ("Die Verdammten"), Hitchcock ("Topaz") und immer wieder John Huston - war er sich nicht zu schade, für Genre-Parodien wie "Top Secret" oder "Solarbabies" ironische Klangteppiche zu weben. Jarre suchte stets den Kontakt zum Publikum, im weißen Jackett am Dirigentenpult oder im Gespräch mit Fans, denen er unermüdlich die Feinheiten seiner Arbeit erklärte. Noch im Februar wollte er es auch bei einem öffentlichen Interview während der Berlinale so halten, doch als ihn dann die Kräfte verließen, ahnte man, wie schlecht es um seine Gesundheit bestellt war. Das Festival würdigte sein Werk mit einem Ehrenbären.
Zu entdecken sind bis heute seine frühen Meisterwerke für den Regisseur Georges Franju. Hier, in den frühen 1950er Jahren, arbeitete er noch in kleinen Ensembles, feilte aber gerade dadurch an jeder Klangfarbe. Nur loben durfte man Jarre nicht dafür. "Ja", sagte er dann, "da hatten wir kein Geld." Schon bei diesen ersten Arbeiten arbeitete er in seinen Lieblingsgattungen Marsch und Walzer, verfremdet à la Satie. Wer vergäße je die Poesie des Grauens in "Augen ohne Gesicht"? In der Nacht zum Sonntag starb der große Filmkomponist in Los Angeles.